Die niederländische Stadt Leiden hat einiges zu bieten – malerische Grachten mit blumengeschmückten Brücken, schöne alte Bürgerhäuser und Kirchen, interessante Museen und eine gemütliche, autofreie Altstadt. Eine besondere Sehenswürdigkeit gibt es hier ganz exklusiv, die man nirgendwo anders findet. Genau genommen sind es sogar viele einzelne Sehenswürdigkeiten: nämlich die über die ganze Altstadt verteilten „Wandgedichte“ (niederländisch „Muurgedichten“), Gedichte von der Antike bis zur Gegenwart in vielen verschiedenen Sprachen und Schriften, die an den Hauswänden angebracht sind. Und auch wenn man manche Sprachen nicht versteht oder nicht einmal die Schrift kennt, so kann man die Gedichte doch auch immer als dekorativen Fassadenschmuck bewundern. Jedes wird anders präsentiert und hat seinen eigenen Charme.

Das allererste Gedicht in russischer Sprache wurde 1992 gleich neben der Pieterskerk im Zentrum der Altstadt angebracht. Es sollte eigentlich gar keine Nachfolger bekommen, doch die Idee kam so gut an, dass weitere Gedichte folgten, und inzwischen sind es über hundert.

Das erste Wandgedicht in Leiden schrieb Marina Zwetajewa (eigenes Foto).

Das Thema dieses Gedichtes passte auch sehr gut als Auftakt für eine ganze Serie, denn es handelt von den eigenen Versen und vom Glauben an die eigene dichterische Begabung. Marina Zwetajewa war knapp 21 Jahre alt, als sie es im Mai 1913 schrieb. Einen ersten Gedichtband hatte sie 1910 veröffentlicht (auf eigene Kosten), der wohlwollend aufgenommen worden war. Bekannte Dichter wie Waleri Brjussow und Maximilian Woloschin äußerten sich anerkennend. Ein zweiter Band erschien 1912, mit eher zwiespältigem Echo. Zu ungewöhnlich, zu eigenwillig waren ihre Gedichte damals. Aber die junge Frau fühlte sich dadurch nicht entmutigt, sie war überzeugt von ihren Versen – und widmete ihnen ein eigenes Gedicht.

Marina Zwetajewa, Foto ca. 1914-1915, Quelle: Public Domain

Ein Gedicht aus drei Strophen und nur einem Satz

Dieses Gedicht, überschrieben „Моим стихам“, „Meinen Versen“ oder „Für meine Verse“, besteht nur aus einem einzigen langen Satz, der über drei Strophen hinweg auf die triumphierend vorgebrachte letzte Zeile zustrebt: Ihre Verse werden sich durchsetzen, mag es auch noch so lange dauern.

Hier der russische Text und anschließend meine möglichst wortgetreue Prosaübersetzung.

Моим стихам

Моим стихам, написанным так рано,
Что и не знала я, что я – поэт,
Сорвавшимся, как брызги из фонтана,
Как искры из ракет,

Ворвавшимся, как маленькие черти,
В святилище, где сон и фимиам,
Моим стихам о юности и смерти,
– Нечитанным стихам! – ,

Разбросанным в пыли по магазинам,
Где их никто не брал и не берёт,
моим стихам, как драгоценным винам,
Настанет свой черёд.

Für meine Verse

Für meine Verse, geschrieben so früh,
dass ich noch gar nicht wusste, ich bin Dichterin,
Verse, die wie Gischt aus einer Fontäne sprühten,
wie Funken aus Raketen,

die wie kleine Teufel eingebrochen sind
in ein Heiligtum aus Schlaf und Weihrauch,
für meine Verse über Jugendzeit und Tod,
– ungelesene Verse! – ,

die kreuz und quer im Staub in den Geschäften liegen,
wo keiner sie nahm und keiner sie nimmt,
für meine Verse wird, wie für kostbare Weine,
die Zeit noch kommen.

Die Übersetzung ist nicht ganz einfach. So verwendet Zwetajewa in Strophe 1 und 2 ein Partizip Perfekt Aktiv, das wir im Deutschen nicht haben und durch Relativsätze oder aufeinander folgende Hauptsätze ersetzen müssen; dadurch geht natürlich einiges von der Dynamik verloren. Diese Partizipien stehen im Dativ, wie die „Verse“, auf die sie sich beziehen: сорвавшимся in Zeile 3, wörtlich „den sich losgerissen (gesprüht) habenden“ und ворвавшимся in Zeile 5, „den eingedrungen seienden“, und sie bilden zugleich noch einen Binnenreim – unmöglich, das nachzuahmen und gleichzeitig noch Versmaß und Reimschema einzuhalten.

Da es im Russischen keinen Artikel gibt und auch kein „sein“ im Präsens („Ich bin Dichter“: „Я – поэт“), wirken Aussagen grundsätzlich kraftvoller und die Übersetzung vergleichsweise etwas verwässert und langatmig, selbst bei einer Prosaübertragung.

Ich habe verschiedene Übersetzungen in Gedichtform im Internet, zum Beispiel hier, und in Buchausgaben gefunden. Am besten gefällt mir die folgende Übersetzung von Maria Razumovsky:

Für meine Dichtungen, die ich geschrieben,
Eh ich mich zählte selbst zu den Poeten,
Die explodierten wie Fontänenspritzer,
Wie Funken aus Raketen,

Für die Gedichte, die wie kleine Teufel
In Sphären drangen, wo sonst Traum und Schlaf
Nur wohnen, die von Tod und Jugend sprechen –
Die niemand las – ,

Die hinten im Geschäft im Staube liegen,
Die keinen int’ressiern, die niemand mag –
Für die Gedichte, wie für gute Weine
Kommt einst der Tag!

Ein verlorenes Paradies

„Koktebel, 13. Mai 1913“ steht unter dem Gedicht. Koktebel ist ein kleiner Badeort an der Südostküste der Krim; dort hatte sich der Dichter und Maler Maximilian Woloschin unmittelbar am Meer ein Haus gebaut, das als Treffpunkt und Zentrum von Künstlern – Dichtern, Malern, Musikern, Schauspielern – berühmt wurde. Marina lernte hier 1911 Sergej Efron kennen, den sie ein Jahr später heiratete – sie war 19, der Bräutigam gerade mal 18 Jahre alt. Die Jahre von 1911 bis 1913 und die Aufenthalte in Koktebel hat sie später selbst als die glücklichste Zeit ihres Lebens bezeichnet.

Dieses Foto (Quelle: Public Domain) entstand im Sommer 1913 auf der Veranda des Woloschin-Hauses. In der offenen Tür steht Marina in Matrosenbluse und mit der unvermeidlichen Zigarette in der Hand (sie war ihr ganzes Leben eine starke Raucherin), links neben ihr Sergej Efron. Die jungen Frauen links und rechts neben dem Paar sind Sergejs Schwestern Wera und Jelisaweta, die sitzende ältere Frau ist Woloschins Mutter und der junge Mann rechts mit den markanten Gesichtszügen der Schauspieler Wladimir Sokolow (er machte später Karriere im deutschen und amerikanischen Film, seine letzte Rolle spielte er 1962 in „Taras Bulba“ neben Yul Brynner und Tony Curtis).

Über Woloschins Künstlerkolonie und das unbeschwerte Leben dort schreibt Maria Razumovsky in ihrer Zwetajewa-Biographie:

Sie bestand aus mehreren kleinen Datschas, die Maxens deutschstämmiger Mutter Jelena Ottobaldowna, genannt „Pra“, gehörten und von ihr im Sommer an Künstler und Literaten vermietet wurden. Max bewohnte einen Turm, in dem er malte und seine kostbare Bibliothek aufbewahrte. Es war eine fröhliche Gesellschaft, die Mahlzeiten wurden gemeinsam eingenommen, man machte Ausflüge in die Umgebung, und besonders erwähnenswert finden alle Chronisten die Kleidung, die Mutter und Sohn trugen: „Griechische Chitone“, kurze Hosen und Sandalen an den nackten Beinen. Dies war für die damalige Zeit so ungewöhnlich, dass der junge Juri Terapiano eigens mit dem Rad nach Koktebel fuhr, um die merkwürdige Gesellschaft bei Woloschins in Augenschein zu nehmen; bei dieser Gelegenheit wurden ihm zwei weißgekleidete Mädchen gezeigt, „die Töchter von Professor Zwetajew aus Moskau“.

Marina hat diese paradiesische Zeit nie vergessen, Koktebel blieb für immer ihr „gelobtes Land“. Als sie 1932 in der Emigration in Paris von Woloschins Tod erfuhr, schrieb sie ein längeres Prosastück mit Erinnerungen an ihn und an seine Künstlerkolonie, mit dem Titel „Lebendiges über einen Lebendigen“ („Живое о живом“, erstmals 1933 in einer russischsprachigen Pariser Exilzeitschrift erschienen).

Woloschin hat die felsige Steppenlandschaft und die Meeresbucht, in der sein Haus lag, oft gemalt; hier eins seiner Aquarelle aus dem Jahr 1931.

Eine behütete Jugend, ein unbehaustes Leben

Marina Iwanowna Zwetajewa wurde 1892 in Moskau als die ältere von zwei Töchtern aus der zweiten Ehe des Kunsthistorikers Iwan Zwetajew geboren. Sie wuchs in großbürgerlichen, behüteten Verhältnissen auf, mit Dienstpersonal und französischen und deutschen Gouvernanten. Ihr Vater war der Begründer und erste Direktor des Moskauer Puschkin-Museums, ihre Mutter Maria Meyn war eine talentierte Pianistin polnisch-deutscher Abstammung, Schülerin von Nikolai Rubinstein (dem Bruder von Anton).

Marina (rechts) mit ihrer jüngeren Schwester Anastassija, Foto aus dem Jahr 1905 (Quelle: Public Domain)

Nichts in ihrer Jugend deutete darauf hin, was ihr bevorstand – ein schweres, verworrenes, unbehaustes Leben. 1922 verlässt sie mit ihrer älteren Tochter Ariadna Russland. Die jüngere Tochter Irina war ein Jahr zuvor in einem Kinderheim, in das die von Bürgerkriegswirren und Existenznot überforderte Marina sie gegeben hatte, mit nur drei Jahren gestorben. Ihren Mann Sergej Efron hat sie da schon mehrere Jahre nicht gesehen und keine Nachricht von ihm. Er kämpft auf der Seite der Weißen Garde gegen die Sowjets und soll sich in Prag befinden.

Ein knappes Jahr bleiben Mutter und Tochter in Berlin, dann gehen sie nach Prag, wo sie Sergej Efron wiedertreffen. 1925 wird der Sohn Georgi, genannt Mur, geboren. Die Familie siedelt nach Paris über, wo viele russische Flüchtlinge ansässig sind, und lebt dort vierzehn Jahre, bis 1939. Marina verdient etwas Geld durch Prosatexte und Übersetzungen, ihre Gedichte werden nicht mehr gedruckt. Sergej ist oft krank. Zeitweilig trägt die halbwüchsige Tochter zum Haushaltsbudget bei, indem sie Mützen strickt und für ein paar Francs verkauft. In der großen russischen Exilgemeinde in Paris findet Marina nie wirklich Anschluss.

Als Sergej Efron die Seiten wechselt und sich in undurchsichtige, bis heute nicht wirklich geklärte Spionagetätigkeiten für die Sowjets verwickelt, wird Marina von ihren Landsleuten endgültig gemieden und ausgegrenzt. Mann und Tochter beschließen 1939, in die Sowjetunion zurückzukehren. Marina folgt ihnen wenig später zusammen mit dem vierzehnjährigen Mur. Es ist eine verhängnisvolle Entscheidung – die stalinistischen Säuberungen sind in vollem Gange und haben schon viele Tausende unschuldiger Opfer gefordert. Wer aus dem Ausland kommt oder Kontakte dorthin hat, ist von vornherein verdächtig.

Erst nach ihrer Ankunft erfährt sie, dass ihre jüngere Schwester Anastassija vor zwei Jahren verhaftet und wegen „konterrevolutionärer Propaganda“ zu zehn Jahren Lager verurteilt wurde. Nur wenige Wochen später werden auch ihre Tochter Ariadna und dann Sergej Efron festgenommen, die Tochter wird zu acht Jahren Lagerhaft verurteilt, der Mann erschossen (davon weiß Marina aber nichts). Bei Kriegsausbruch 1941 wird sie mit ihrem Sohn nach Jelabuga in Tatarstan evakuiert, das ist ein gottverlassener kleiner Ort 1000 Kilometer von Moskau entfernt. Das Verhältnis zu Mur ist schwierig – sie vergöttert ihn, aber er wirft seiner Mutter vor, schuld an ihren harten Lebensbedingungen zu sein.

Am 31. August 1941 erhängt sich Marina Zwetajewa im Vorraum des kleinen Hauses, in dem sie und Mur als Kriegsflüchtlinge Unterschlupf gefunden haben. Sie hat einen Tag abgewartet, an dem sie allein zu Hause ist – ihr Sohn und die Gastfamilie befinden sich an diesem Sonntag zu einem Arbeitseinsatz auf dem Gelände eines geplanten Flugplatzes und kehren erst abends zurück.

Mur meldet sich bald nach ihrem Tod zum Kriegsdienst. Im Juli 1944 fällt er an der Front bei Witebsk, als die deutsche Wehrmacht schon so gut wie geschlagen war. Von Marinas nächsten Verwandten überleben nur ihre Tochter Ariadna (1912 – 1975) und ihre Schwester Anastassija (1894 – 1993) die stalinistischen Säuberungen und den Krieg.

Verfemt, vergessen – und neu entdeckt

In der Sowjetunion ist die Dichterin Marina Zwetajewa inzwischen so gut wie vergessen, ihre Bücher findet man nicht einmal mehr verstaubt in den Geschäften, wie es in ihrem Gedicht heißt. Im Westen entdeckt man sie in den 1950er Jahren allmählich wieder, in ihrer russischen Heimat dauert es noch zwei Jahrzehnte länger, bis ihre Gedichte gedruckt werden. Ein erster Auswahlband erscheint 1961, herausgegeben von dem namhaften Literaturwissenschaftler Wladimir Orlow (1908 – 1985). Er verfasst auch ein ausführliches Vorwort mit einer Würdigung von Werk und Autorin, das erste Essay über Zwetajewa überhaupt in der Sowjetunion. Seine Auswahl beginnt mit eben unserem Gedicht: Marinas Widmung an ihre eigenen Verse.

Die erste Buchausgabe von Zwetajewas Gedichten in der Sowjetunion, erschienen in Moskau 1961.

Was Orlow in seinem Vorwort über Zwetajewas dichterisches Talent, über ihre eigenwillige, unverwechselbare Sprachkunst schreibt, ist treffend und bis heute gültig. Mit ihrer Biographie tut er sich schwerer – trotz „Tauwetter“ musste er sich damals noch an enge ideologische und politische Vorgaben halten. Zwetajewa wird als „konterrevolutionäre Dichterin“ bezeichnet, die „die Oktoberrevolution nicht verstanden und nicht akzeptiert“ hat. Die Verhaftungen von Schwester, Ehemann und Tochter werden nicht erwähnt, stattdessen heißt es abschließend nur knapp: „Marina Zwetajewa hat den Geist ihrer großen Epoche verraten und bezahlte dafür den höchstmöglichen Preis.“

Dank Glasnost und Perestroika änderte sich das in den 1980er Jahren, und die russische Öffentlichkeit erfuhr endlich die Wahrheit. Heute sind Zwetajewas Ruf und ihre immense Bedeutung für die russische Dichtung unangefochten. Ihre Tochter und ihre Schwester veröffentlichten Erinnerungen und kümmerten sich um die Edition ihrer Gedichte, Prosatexte und Aufsätze. In den 1990er Jahren erschienen mehrbändige Werkausgaben. Die 2013 vom Puschkinhaus herausgegebenen „Materialien zu einer Bibliographie“ listen auf über 600 Seiten die Publikationen ihrer Werke im Original und in Übersetzungen und die Artikel und Monographien über sie auf. Das Haus in Jelabuga, in dem sie gestorben ist, ist heute ein Museum.

Ihre Verse haben lange warten müssen, bis ihre Zeit gekommen ist, aber nun kann ihnen und ihrer Schöpferin niemand mehr ihre Bedeutung nehmen, ganz wie sie es vor über hundert Jahren vorausgesagt hat.

Hier kann man Marina Zwetajewas Gedicht an die eigenen Verse im russischen Original hören, vorgetragen von der bekannten Schauspielerin Alissa Frejndlich:

Anmerkungen und Links

Die Versübersetzung habe ich in dieser bei Suhrkamp erschienenen Zwetajewa-Biographie gefunden: Maria Razumovsky, Marina Zwetajewa, Frankfurt 1989, S.92. Nicht nur die Übersetzung, auch die Biographie hat mir sehr gut gefallen – sorgfältig recherchiert und dokumentiert, viele russische Quellen sind hier erstmals übersetzt und ausgewertet worden. Der zitierte Abschnitt über Woloschins Künstlerkolonie in Koktebel steht im selben Buch auf S.75/76.

Von den unendlich vielen Materialien und Informationen, die man im Internet findet, sei nur eine Seite genannt und verlinkt, auf der Erinnerungen von Zeitgenossen Zwetajewas zusammengestellt sind (ganze Texte, nicht nur die Buchtitel). Über achtzig zum Teil ausführliche Texte in russischer Sprache sind hier gesammelt, zumeist Ausschnitte aus Büchern, die man sich sonst mühselig einzeln zusammensuchen müsste. Außerdem findet man auf dieser Seite noch viele andere Materialien zu ihrem Leben und Werk.

Die Audiodatei mit dem Vortrag Alissa Frejndlichs stammt von einer anderen sehr ergiebigen Website im russischen Internet, die sich „Altes Radio“ („Старое Радио“) nennt, hier der Link zur Homepage. Das ist ein 2007 von dem Musiker Juri Metjolkin (*1953) ins Leben gerufenes nichtkommerzielles Internet-Projekt.

Screenshot von der Homepage „Altes Radio“/“Старое Радио“

Mehr als 36.000 Aufnahmen aus dem russischen Rundfunk von den 1920er Jahren bis zur Gegenwart kann man sich hier anhören und herunterladen, aus allen Sparten: historische Reportagen und Interviews, Konzerte und Theateraufführungen, Lesungen fast sämtlicher russischer Klassiker, Kinder- und Schulfunk und mehr. Allein von Zwetajewa gibt es hier über fünfzig Gedichte.