„The old lie: Dulce et decorum est pro patria mori.“

So lauten die letzten Zeilen eines berühmten Antikriegsgedichts, geschrieben 1917 von dem 24jährigen Engländer Wilfred Owen unter dem Eindruck der schrecklichen Erlebnisse und der furchtbaren Verletzungen durch Giftgas im Ersten Weltkrieg. Owen meldete sich 1915 als Freiwilliger, 1918, eine Woche vor Kriegsende, ist er gefallen. Der Glaube, es sei „süß und ehrenvoll“, auf dem Schlachtfeld fürs Vaterland zu sterben, war damals noch weit verbreitet.

Bald darauf sollten noch andere Schriftsteller das Thema aufgreifen, und es entstand ein neues literarisches Genre, die „Antikriegsliteratur“. Am bekanntesten wurde Erich Maria Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“.

„Vier Tage“: Eine Antikriegserzählung des 19. Jahrhunderts

Aber schon vierzig Jahre vorher, im Oktober 1877, war in Russland eine kurze Erzählung in der literarischen Zeitschrift „Vaterländische Annalen“ („Отечественные записки“) erschienen, die ähnliche Erfahrungen und Gedanken beschrieb. Verfasst war sie von einem jungen Mann namens Wsewolod Garschin, 23 Jahre alt, der 1877 ebenfalls als Freiwilliger in den Russisch-Türkischen Krieg gezogen war. Die traumatischen Erlebnisse hat Garschin in seiner Erzählung so unmittelbar und direkt geschildert, kein schauriges Detail auslassend, dass es den Leser durch fast 150 Jahre hindurch immer noch wie ein Laserstrahl trifft.

Ich habe mich noch nie in einer solchen absonderlichen Lage befunden. Ich liege anscheinend auf dem Bauch und sehe vor mir ein kleines Stück Erde. Einige Grashalme, eine Ameise, die an einem von ihnen hinunterkriecht, und einige trockene Büschel vorjährigen Grases – das ist meine Welt. Und ich sehe sie nur mit einem Auge, weil das andere von etwas Festem, vermutlich von einem Zweig, auf dem mein Kopf liegt, verdeckt ist. Ich empfinde meine Lage sehr unbequem, ich möchte wegrücken und verstehe durchaus nicht, warum ich das nicht kann. So vergeht die Zeit. Ich vernehme das Zirpen der Grillen und das Summen der Bienen. Mehr jedoch nicht. Endlich mache ich eine Anstrengung, befreie die rechte Hand unter mir und versuche, beide Hände auf die Erde stützend, mich auf die Knie zu erheben.

Etwas Scharfes und Heftiges durchzuckt wie ein Blitz meinen ganzen Körper von der Brust bis zum Kopf, und ich falle wieder hin. Wieder Finsternis, wieder das Nichts.

(…)

Seltsame Laute dringen an mein Ohr … als ob jemand stöhne. Ja, das ist Gestöhn. Liegt vielleicht ein ebenso Vergessener mit gebrochenen Beinen oder mit einer Kugel im Bauch neben mir? Nein, das Gestöhn ist nahe, und es scheint niemand neben mir zu liegen … Mein Gott, das bin ja ich selber!

Vier Tage wird er so liegen, bis er gefunden wird, tagsüber bei glühender Hitze. Immer wieder verliert er für Stunden das Bewusstsein. Die ganze Zeit lehnt an einem Baumstamm ihm gegenüber ein toter Türke, im Zustand der fortschreitenden Verwesung. Trotz seiner gebrochenen Beine schafft er es, zu dem Toten hinüberzukriechen und ihm seine Feldflasche abzunehmen – das Wasser darin rettet ihm das Leben. Er erinnert sich – er selber hat den Türken mit dem Bajonett getötet.

In seiner Uniform ist ein großes, schwarzes Loch; ringsumher Blut. Das habe ich getan.

Ich habe es nicht gewollt. Ich wollte niemand etwas Böses zufügen, als ich in den Krieg zog. Der Gedanke daran, dass ich in die Lage kommen könnte, jemand zu töten, lag mir völlig fern. Ich stellte mir nur vor, wie ich meine eigene Brust den Kugeln darbieten würde. Und ich ging und bot sie ihnen dar.

(…)

Die Sonne ist aufgegangen. Ihre gewaltige Scheibe, durchschnitten und zerteilt von den schwarzen Zweigen der Sträucher, ist rot wie Blut. Ich glaube, heute wird es sehr heiß. Mein Nachbar – was wird aus dir werden? Du siehst schon jetzt fürchterlich aus.

Ja, er sah entsetzlich aus. Seine Haare begannen auszufallen. Seine Haut, dunkel von Natur, wurde blass und gelb; das aufgedunsene Gesicht zog sich so zusammen, dass die Haut hinter dem Ohr platzte. Dort wimmelte es von Würmern. Die in Gamaschen steckenden Beine waren so geschwollen, dass zwischen den Haken der Gamaschen große Blasen hervordrangen. Sein ganzer Körper ist wie ein Berg angeschwollen. Was wird die Sonne heute aus ihm machen?

Wsewolod Garschin: Ein schwieriges Leben

Kindheit, Jugend, Krieg

Als Sohn eines verarmten Adligen wurde Wsewolod Garschin 1855 geboren. Der Vater, der von russifizierten Tataren abstammte, diente als Offizier in der russischen Armee. Die Mutter war eine gebildete Frau mit liberalen Ansichten, sie sprach fließend Deutsch und Französisch, interessierte sich für Literatur und Politik und übte einen starken Einfluss auf ihren Sohn aus.

Die Ehe der Eltern zerbrach, als die Mutter sich in den Hauslehrer ihrer Kinder verliebte. Sie verließ ihren Mann und nahm den neunjährigen Wsewolod 1864 mit zu sich nach St. Petersburg. In den nächsten Jahren lebte er abwechselnd bei ihr und bei seinem Vater. 1874 wurde er als Student am Institut für Bergbau aufgenommen, brach das Studium aber 1877 ab, um sich zum Kriegsdienst zu melden. Gerade hatte der Russisch-Türkische Krieg begonnen, zwischen dem Russischen Reich, Serbien und Rumänien auf der einen Seite und dem Osmanischen Reich auf der anderen. Garschin nahm an den Kämpfen auf dem Balkan teil, wurde am Bein verletzt und nach einem Jahr entlassen.

Wsewolod Garschin, Porträtfoto, Ende 1870er Jahre

Was er in seiner Erzählung schildert – die schwere Verwundung, die hilflose Lage und die Amputation eines Beins -, ist nicht sein eigenes Schicksal, sondern das eines Kameraden, den man bei der Flucht vor dem Feind liegengelassen hatte, aber später doch noch retten konnte.

Literarischer Erfolg

Die Erzählung „Vier Tage“ ist die erste Veröffentlichung Garschins. Sie findet sofort viel Beachtung und Anerkennung und wird rasch in mehrere Sprachen, auch ins Deutsche, übersetzt.

Werbeanzeige für die deutsche Übersetzung von Garschins Erzählungen im „Deutschen Börsenblatt“, 1890

Der Krieg bleibt auch in anderen Erzählungen Garschins ein wichtiges Thema, das ihm keine Ruhe lässt. Er lebte in einer Zeit, in der Männer, die aus Gewissensgründen nicht in den Krieg ziehen wollen, als Drückeberger und Feiglinge gelten. Manche kriegsbegeisterten jungen Männer seiner Generation fälschten sogar ihr Geburtsdatum, um als Freiwillige in der Armee des Zaren dienen zu können.

Gedankengänge, wie man sie in Garschins Erzählung „Der Feigling“ (1879) lesen kann, erscheinen uns heute normal, waren damals aber neu und für viele befremdlich:

Ich weiß nicht, ob es an meinen Nerven liegt, dass die Heeresberichte mit der Angabe der Toten und Verwundeten auf mich eine weit größere Wirkung ausüben als auf meine Umgebung. Ein anderer liest ruhig: „Unsere Verluste sind unbedeutend, verwundet die und die Offiziere, Gemeine gefallen fünfzig, verwundet hundert“ und freut sich dabei noch, dass es so wenige sind, aber vor meinen Augen ersteht beim Lesen eines solchen Berichtes sofort ein blutiges Bild. Fünfzig Tote und hundert Verstümmelte – das ist doch kein unbedeutender Verlust? Warum regen wir uns so auf, wenn die Zeitungen die Nachricht von einem Mord bringen, dem nur einige Menschen zum Opfer fielen? Warum sind wir beim Anblick der Leichen, die auf dem Schlachtfeld von Kugeln niedergestreckt wurden, nicht ebenso entsetzt wie beim Anblick eines Hauses, das von einem Mörder ausgeraubt wurde?

In den folgenden Jahren schreibt Garschin weitere Erzählungen und wird bald als vielversprechendes Talent betrachtet, dem man eine große Zukunft prophezeit. Turgenjew schreibt ihm 1882 in einem Brief: „Von allen unseren jungen Schriftstellern sind Sie derjenige, der die größten Hoffnungen weckt. Sie haben alle Merkmale eines echten, großen Talentes: künstlerisches Temperament, ein feines und sicheres Verständnis für die charakteristischen Züge des Lebens – des individuellen und des allgemeinen, ein Gefühl für Wahrheit und Maß, Schlichtheit und Schönheit der Form und als Resultat von allem – Originalität.“

Seine Erzählungen werden in großen, angesehenen Zeitschriften gedruckt, bekannte Schriftsteller wie Wladimir Korolenko und Michail Saltykow-Schtschedrin (Herausgeber der oben erwähnten „Vaterländischen Annalen“) fördern ihn. Einmal besucht er Leo Tolstoi, dessen Ablehnung von Krieg und Militär er teilt; aber Tolstois Lehre, man dürfe auch dem Bösen nicht mit Gewalt widerstehen, lehnt er ab.

Er schließt Freundschaft mit Ilja Repin, dem berühmtesten Vertreter der „Wandermaler“ („Передвижники“). Repin malt ein Porträt von ihm; und für zwei andere Gemälde, die zu Repins bekanntesten Werken gehören, steht Garschin Modell: für den Heimkehrer aus der Verbannung („Unerwartete Heimkehr“, 1884-1888) und für den sterbenden Sohn Iwan des Schrecklichen („Iwan der Schreckliche und sein Sohn“, 1883-1885).

Wsewolod Garschin, Porträt von Ilja Repin, 1884 (das Bild befindet sich heute im Besitz des Metropolitan Museum of Art, New York)

In seinen Erinnerungen schrieb Repin über den Freund: „Er hatte das Gesicht eines Menschen, der dem Untergang geweiht ist.“

Krankheit und Tod

Äußerlich scheint sich in Garschins Leben eigentlich alles zum Guten zu fügen. Zwar kann er von seiner literarischen Tätigkeit nicht leben, aber 1882 erhält er eine Stelle in der Verwaltung der staatlichen Eisenbahn, die ihn von Existenzsorgen befreit. Im selben Jahr heiratet er Nadeschda Solotilowa, eine angehende Ärztin, die er während ihrer Ausbildung bei einem seiner zahlreichen Krankenhausaufenthalte kennengelernt hat.

Doch trotz aller Erfolge, trotz der vielen ihm wohlgesonnenen Freunde und Förderer, trotz einer allem Anschein nach glücklichen Ehe – die Anfälle von Schwermut und Verzweiflung, von innerer Unruhe und Rastlosigkeit, gegen die er schon seit seiner Kindheit kämpft, nehmen zu. Immer wieder begibt er sich in psychiatrische Behandlung. Die Krankheit tritt zyklisch auf, vor allem im Frühjahr und im Sommer ist er kaum arbeitsfähig.

1888, nach einem heftigen Streit mit Mutter und Bruder (die Mutter hat zu den Frauen ihrer Söhne ein sehr schlechtes Verhältnis) läuft Garschin aufgewühlt aus seiner Wohnung in Petersburg und stürzt aus dem dritten Stock den Treppenschacht hinunter. Ob es ein Selbstmord oder ein Unglücksfall war, bleibt ungeklärt. An den beim Sturz erlittenen Verletzungen stirbt er wenige Tage später, mit nur 33 Jahren.

„Die rote Blume“: Geschichte einer kranken Seele

Die Krankheit der Psyche ist das Thema seiner bekanntesten Erzählung „Die rote Blume“ („Красный цветок“): Ein Mann wird gegen seinen Willen in ein psychiatrisches Krankenhaus gebracht. Zwei junge Leute liefern ihn, der sich heftig wehrt, mit einer Zwangsjacke gefesselt in der Anstalt ab, die er offenbar schon von früheren Aufenthalten gut kennt. Wer er ist, wie er heißt, welche Lebensgeschichte er hat, bleibt im Dunkeln – er ist nur der „Patient“ oder der „Irre“.

Bei dieser Gelegenheit erfährt man interessante Details zur Behandlung psychisch Kranker im 19. Jahrhundert, wie sie Garschin vermutlich am eigenen Leibe erlebt hat:

Man führte den neuen Pateinten in das Zimmer mit den Wannen. Schon auf einen gesunden Menschen wirkte es bedrückend, wieviel beklemmender musste es erst auf die Phantasie eines Menschen mit zerrütteten, erregten Nerven wirken. Es war ein großer Raum mit Gewölben, mit einem schlüpfrigen steinernen Fußboden, nur durch ein in der Ecke eingesetztes Fenster erleuchtet; die Wände und Wölbungen waren mit dunkelroter Ölfarbe angestrichen; in dem von Schmutz schwarzen Fußboden waren in gleicher Höhe mit ihm zwei steinerne Wannen eingelassen – wie zwei ovale, mit Wasser gefüllte Gruben. Der riesengroße kupferne Ofen mit einem zylinderförmigen Kessel zum Erwärmen des Wassers und mit einem ganzen System von kupfernen Röhren und Hähnen nahm die Ecke gegenüber dem Fenster ein; alles hatte ein für ein gestörtes Gemüt ungewöhnlich düsteres und phantastisches Gepräge, und der Wärter, der die Aufsicht über die Wannen hatte, ein dicker, stets schweigender Ukrainer, verstärkte mit seinem finsteren Gesichtsausdruck nur noch den deprimierenden Eindruck.

Als man den Patienten in dieses schreckliche Zimmer brachte, um ihn zu baden und ihm dann gemäß der Heilmethode des Chefarztes der Anstalt eine Spanische Fliege auf den Nacken zu legen, geriet er in Entsetzen und Wut. Sinnlose Gedanken, einer wunderlicher als der andere, kreisten in seinem Kopf. Was soll das? Inquisition? Ein Ort heimlicher Hinrichtung, an dem seine Feinde ihm den Garaus machen wollten? Vielleicht sogar die Hölle selbst?

Im Garten des Krankenhauses erblickt er eines Tages drei rote Mohnblumen und glaubt, in diesen Blumen konzentriere sich alles Böse der Welt – und er sei ausersehen, diese Blumen und mit ihnen das Böse zu vernichten. Zweimal gelingt es ihm, die Blumen herauszureißen. Beim dritten Mal muss er sich aus einer Zwangsjacke befreien und heimlich bei Nacht aus der Zelle fliehen, in die man ihn mittlerweile gesperrt hat.

Es war eine stille und warme Nacht; das Fenster war offen; am schwarzen Himmel glänzten die Sterne. Er sah zu ihnen empor, erkannte die ihm vertrauten Sternbilder und freute sich darüber, dass sie für sein Vorhaben Verständnis und Teilnahme zeigten. Blinzelnd sah er unendliche Strahlen, die sie ihm sandten, und seine törichte Entschlossenheit wuchs. Es galt, den dicken Stab des eisernen Gitters zurückzubiegen, durch die enge Öffnung in das mit Sträuchern bewachsene Gässchen zu kriechen und dann über die hohe Steinmauer zu klettern. Dort würde der letzte Kampf stattfinden, und dann – wenn es sein sollte, wollte er sterben.

(…)

Am Morgen fand man ihn tot. Sein Gesicht war ruhig und hell: Die ausgemergelten Züge mit den dünnen Lippen und den tief eingefallenen, geschlossenen Augen drückten ein großes, stolzes Glück aus. Als man ihn auf die Tragbahre legte, versuchte man, die zusammengeballte Hand zu öffnen und die rote Blume herauszunehmen. Aber die Hand war erstarrt, und so nahm er seine Trophäe mit ins Grab.

„Krasny zvetok“, Sammelband mit Erinnerungen an Garschin, erschienen 1888, mit einem von Ilja Repin gestalteten Titelbild

Garschins gesamter literarischer Nachlass umfasst nur fünfzehn Erzählungen, eine etwas längere Novelle und drei Märchen für Kinder, die alle zusammen in einen schmalen Band passen.

Anmerkungen, Quellen, Links

Garschin auf Deutsch

Die Abschnitte aus Garschins Erzählungen habe ich nach folgender Übersetzung zitiert: Wsewolod Garschin, Die Erzählungen, Leipzig 1956, übertragen und mit Nachwort versehen von Valerian Tornius. In diesem nur noch antiquarisch erhältlichen Buch findet man alle Erzählungen, die längere Novelle „Nadeschda Nikolajewna“, die drei Märchen und noch drei Gedichte in Prosa.

Eine ältere Übersetzung der Erzählungen aus dem Jahr 1926 hat der Verlag Tredition Classics 2012 neu aufgelegt, die Übersetzerin war Fega Frisch. Der Verlag digitalisiert vergriffene und gemeinfreie Bücher, er arbeitet mit dem Projekt Gutenberg zusammen.

Bei Reclam/Leipzig ist in der zweisprachigen Reihe 1977 ein Heftchen mit zwei Erzählungen („Die rote Blume“ und „Das Signal“) erschienen, auch nur noch antiquarisch zu erwerben.

Bei Google Books findet man eine noch ältere Übersetzung: Wsewolod Garschin, Pessimistische Erzählungen, München 1887, übersetzt von Wilhelm Henckel. Sie ist hier online zu lesen und enthält u. a. die Erzählungen „Die rote Blume“ und „Der Feigling“.

Garschin im russischen Original

In der digitalen Bibliothek „Im Werden“ sind mehrere Ausgaben mit Garschins Werken vorhanden und frei zugänglich, sowohl zum Lesen wie zum Herunterladen (als pdf), dies hier die von 1984. Auch mehrere Monographien über sein Leben und Werk und ein sehr interessanter und sorgfältig edierter Band mit Erinnerungen von Zeitgenossen an Garschin sind hier verfügbar.