Das „Runet“, wie die Russen den russischsprachigen Teil des Internets nennen, feierte in diesem Monat seinen 32. Geburtstag – am 7. April 1994 ging die erste Domain mit dem Ländercode .ru online. In den folgenden Jahren und Jahrzehnten wurde das Runet zu einer großen Erfolgsgeschichte. In diesem Jahr hatte allerdings niemand besondere Lust, den 7. April zu feiern – zu groß war und ist der Ärger über die anhaltenden Blockaden und Störungen durch staatliche Willkür.

Offiziell begründete die Regierung diese Maßnahmen mit Sicherheitsproblemen, angeblich sollen auf diese Weise ukrainische Drohnen manövrierunfähig gemacht werden. Tatsächlich ist es wohl eher ein Test, ob und in welchem Ausmaß man das Internet in Russland und seine Nutzer kontrollieren und abschotten kann und wie die Menschen darauf reagieren. In den sozialen Medien wurde das Runet schon virtuell beerdigt:

„Freies Runet – 1990-2025“, Screenshot vom YouTube-Kanal SocialVisor

Vorletzte Woche veröffentlichte die Zeitschrift „MoskvichMag“ einen ausführlichen Artikel zu den individuellen und gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen dieser Blockaden und befragte verschiedene Moskauer Geschäftsleute und Wirtschaftsexperten zu ihren persönlichen Erfahrungen und Einschätzungen.

Exkurs: Ein nicht ganz linientreues Stadtmagazin

„Verpassen Sie nicht das Wichtigste über das Leben in dieser Stadt und nicht nur dort“ – Screenshot vom Internet-Auftritt des „MoskvichMag“

„MoskvichMag“ ist ein Online-Stadtmagazin für Moskau mit dem Schwerpunkt Lifestyle-Themen und Stadtgeschichte, aber hin und wieder spricht es auch aktuelle politische Fragen an. Die Beiträge sind durchweg interessant geschrieben und sorgfältig recherchiert. Aufdringliche Regierungspropaganda findet man hier nicht, dafür öfter nicht ganz linientreue Meinungsäußerungen.

Letztes Jahr brachten sie zum Beispiel einen langen und sehr positiven Artikel zum 75. Geburtstag der 2014 verstorbenen Bürgerrechtlerin Walerija Nowodworskaja, die jahrelang gegen Putin gewütet und die Annexion der Krim, die sie noch miterleben musste, scharf verurteilt hat. Und in diesem Monat, in der Ausgabe vom 16. April, wurden die Leserinnen und Leser darüber informiert, dass auf YouTube neuerdings das Ballett „Nurejew“ in der Inszenierung von Kirill Serebrennikow zu sehen sei. In Moskau stand das Ballett ursprünglich auf dem Spielplan des Bolschoi-Theaters und wurde dann 2023 verboten – mit der Begründung, es verbreite „Propaganda für nicht-traditionelle Beziehungen“. Serebrennikow verurteilt den Angriff auf die Ukraine, er lebt seit 2022 in Berlin. YouTube ist in Russland zwar noch nicht verboten, aber vom Regime nicht gut gelitten und wird immer mal wieder blockiert oder künstlich verlangsamt.

Werbung für die in Russland verbotene Inszenierung eines Regimegegners auf einer verpönten Plattform wie YouTube ist heutzutage schon etwas subversiv und nicht ungefährlich. Aber das nur nebenbei.

Was Geschäftsleute dem „MoskvichMag“ berichten

Im Folgenden bringe ich den einleitenden redaktionellen Teil des Artikels und einige interessante Passagen aus den Stellungnahmen der befragten Geschäftsleute und Experten. Wegen der vielen Abkürzungen habe ich an einigen Stellen Erläuterungen – in Klammern und kursiv gesetzt – hinzugefügt. Den kompletten Artikel im russischen Original kann man hier lesen.

Wie der Kampf mit dem Internet das Moskauer Business ruiniert: Berichte von Unternehmern

Der Shutdown des Internets in Moskau dauerte mehrere Wochen, und Ende März atmeten alle erleichtert auf, als das Netz auf den mobilen Geräten plötzlich wieder da war. Aber die Menschen hatten sich zu früh gefreut: Denn nun begann man die Nutzer zu drangsalieren, die VPN (Virtual Private Network, ein anonymisierter Internetzugang, mit dem man Blockaden umgehen kann) eingeschaltet hatten. Dazu kamen weitere und immer häufigere Netzausfälle. Am Morgen des 3. April gingen die Dienste der Banken reihenweise in die Knie. Die Nutzer klagten über Probleme bei mehreren großen Banken sowie beim FPS („Faster Payment System“, ein besonderer Service der Russischen Zentralbank).

In den sozialen Medien und Teilen der Presse vermutete man einen Test der „weißen Listen“ (von der Regierung erlaubte und immer zugängliche Webseiten) und die Vorbereitung einer kompletten Isolation des Runet. Pawel Durow, der Gründer von Telegram, interpretierte die Störungen als den Versuch der Regierung, den Zugang zu VPN-Diensten zu beschränken. Aber Roskomnadsor (das ist die russische Medienaufsicht und Zensurbehörde) forderte die großen Medien brieflich auf, alle Mitteilungen über einen Zusammenhang zwischen den Blockaden und dem Blackout der Banken von ihren Seiten zu entfernen.

Der Kulminationspunkt war der fast totale Zusammenbruch des Runet am Abend des 6. und in der Nacht auf den 7. April. Mehrere Stunden lang war „Gosuslugi“ (das große staatliche Internetportal mit Zugang zu allen möglichen behördlichen Diensten) nicht erreichbar, ferner die Apps mehrerer Banken, Rutube, VK Video, die Online-Filmtheater Wink und Okko. Störungen gab es ebenfalls bei Trikolor TV, bei NTV Plus und Mosenergosbyt (das ist der größte Stromversorger Moskaus). Bei den Kunden von Rostelekom (größter russischer Telekommunikationsanbieter) funktionierte das kabelgebundene Internet zu Hause nicht mehr. Roskomnadsor erklärte die Vorfälle mit einer Störung im Hauptnetz der Rostelekom, der Provider selbst sprach von einer DDos-Attacke auf seine Server und versicherte, dass „die Aktionen der Cyberkriminellen inzwischen neutralisiert worden“ seien.

In den vergangenen Jahrzehnten hat das Land ein hohes Tempo bei der Entwicklung der digitalen Infrastruktur vorgelegt, fortschrittliche Optionen entwickelt (Online-Banking, Digitalisierung der Behörden) und einen flächendeckenden Zugang zum Hochgeschwindigkeits-Internet geschaffen. Ende der 2010er Jahre war das russische Internet eines der am leichtesten zugänglichen und weltweit schnellsten geworden. Aber die Turbulenzen, die in den letzten Jahren auf dem Gebiet der Telekommunikation „dank“ den Verlangsamungen, Blockierungen und sonstigen Verboten verursacht wurden, stören nicht nur die digitale Welt der privaten Nutzer, sondern wirken sich auch auf die Wirtschaft insgesamt negativ aus. Laut Analyse des Dienstes „Top10VPN“ dürfte sich der dadurch verursachte Verlust für das Jahr 2025 auf ungefähr 11,9 Milliarden Dollar belaufen, die größten wirtschaftlichen Verluste durch Internet-Shutdowns weltweit. So wie es jetzt aussieht, könnte sich das laufende Jahr als nicht weniger problematisch erweisen – vorsichtig ausgedrückt.

Das „MoskvichMag“ hat bei Vertretern aus verschiedenen hauptstädtischen Geschäftszweigen nachgefragt, wie sich die Störungen des Internets auf ihre Arbeit ausgewirkt haben und was sie von der Zukunft erwarten, wenn sich die Situation nicht ändert.

Der Event-Manager

Alexander Schkapura ist der Gründer und Inhaber einer Event-Agentur namens „Dinamica“, die laut Online-Werbung fast alles organisiert – von Wirtschaftsforen bis zu Partys für Firmenbelegschaften.

Unser Business besteht vor allem aus Kommunikation in Echtzeit: Absprachen mit Subunternehmern, Gespräche mit Kunden, Registrierung von Teilnehmern. Telegram (ein besonders in Russland sehr beliebter Messengerdienst) ist faktisch das „Betriebssystem“ unserer Agentur. Als das dann Aussetzer hatte und als in einigen Regionen das mobile Internet komplett ausfiel, haben wir einige Tage buchstäblich wie die Feuerwehr gearbeitet. Schnell haben wir entdeckt, dass wir damit nicht allein waren: Die Moskauer Theater zum Beispiel haben ihre Besucher gebeten, sich die Tickets vorher selbst auszudrucken – weil die QR-Codes auf den Handys sich nicht öffnen ließen. Bei einem unserer Events hatten wir eine ähnliche Situation mit dem elektronischen Einlass. (…)

Den Schaden für die gesamte Moskauer Wirtschaft einzuschätzen ist schwierig. Die Zeitung „Kommersant“ bezifferte ihn für den IT-Markt auf 3 bis 5 Milliarden Rubel, die „Gesellschaft für den Schutz des Internets“ nannte etwa 4,8 Milliarden Rubel für einen einzigen Ausfalltag. Diese Zahlen scheinen mir realistisch.

Der Luxus-Kinderhort-Betreiber

Ein weiterer Befragter ist Iwan Sorokin, Gründer und Chef von „Smile Fish“ – das ist ein Netz von privaten Kindergärten. Ein Blick auf die Homepage dieser Firma zeigt, dass Sorokins Kunden wohl eher der Oberschicht angehören und entsprechend anspruchsvoll sein dürften.

Homepage der Firma „Smile Fish“ (Screenshot); der Werbetext lautet übersetzt: „Alles wirklich Wichtige geschieht in der Kindheit / Die Einzigartigkeit der Kindergärten von „Smile Fish“.

Die Besonderheit unseres Geschäftsmodells beruht auf der direkten Kommunikation, sie ist die Grundlage. Die Eltern vertrauen uns das Kostbarste an, was sie besitzen – ihre Kinder. Besonders zu Beginn, in der Eingewöhnungszeit, erwarten die Mütter und Väter ständige Rückmeldungen: wie das Kind gegessen hat, wie es sich erholt hat, wie es sich gerade fühlt – und sie möchten Fotos in Echtzeit erhalten. Deshalb treffen uns alle Internet- und Messengerausfälle besonders empfindlich. Es ist nicht nur lästig, es beeinflusst unmittelbar das Vertrauen der Kunden, das in unserer Branche ein ganz wesentlicher Aktivposten ist.

Wir hoffen, dass die Situation sich allmählich wieder verbessert, aber wir haben nicht die Absicht, nur abzuwarten und die Hände in den Schoß zu legen. Wie man sagt, das flexibelste Element hat den größten Einfluss auf das System. Wir haben schon unsere eigene mobile App Smile Fish entwickelt, mit der wir die Anfragen der Eltern nachverfolgen, mit einem Callcenter kooperieren und die Kommunikation innerhalb unserer Belegschaft organisieren können. Jetzt stehen wir vor dem nächsten Schritt – die Erstellung eines in unsere App integrierten Messengerdienstes. Das wird uns erlauben, den Austausch zwischen Eltern, Erziehern und Verwaltung vollkommen unabhängig von externen Plattformen zu machen und immun gegen alle Ausfälle im öffentlichen Internet zu werden.

Eine Bewertung für die gesamte Geschäftslage der Hauptstadt zu geben wäre vermessen – ich rede nur von dem, was ich innerhalb meiner Organisation sehe. Zurzeit verwalten wir 128 aktive Kindergärten, was „Smile Fish“ zum größten privaten Netz im Land macht. Jeden Tag sind unsere Türen für mehr als 2500 Kinder aus 2500 Familien geöffnet – von Kaliningrad bis Chabarowsk, wobei ein beträchtlicher Teil davon in Moskau konzentriert ist. Unsere Belegschaft zählt mehr als 500 Mitarbeiter. Und die Kernfrage, die uns Kunden und Kollegen stellen – wie können wir zuverlässige, störungsfreie Kommunikationskanäle garantieren. Die Menschen haben sich an bestimmte Tools gewöhnt, und nicht alle sind bereit, rasch auf Alternativen umzusteigen. Deshalb sind wir überzeugt: Gerade für die gewohnten, alltäglichen Kontakte dürfen die Verbindungskanäle nicht eingeschränkt werden.

Der Marktanalyst

Eldar Murtasin ist führender Analyst der in Moskau ansässigen „Mobile Research Group“, eines Unternehmens, das den Markt für mobile Geräte erforscht. Interessant fand ich seine Äußerung zur Arbeitseffizienz der russischen Bevölkerung und zum positiven Einfluss des Internets.

Als im Zentrum Moskaus das mobile Internet abgeschaltet wurde und die „weißen Listen“ auftauchten, funktionierte das Geotargeting praktisch gar nicht mehr. (…)

Fehlendes Internet wirkt sich auf eigentlich alles aus. Wir haben sehr viele Kontakte zu ausländischen Partnern, vor allem in China, und die sind erschwert. Was früher 10 Minuten dauerte, nimmt jetzt 20 bis 30 Minuten in Anspruch. Hier klappt etwas nicht, dort kommt keine Verbindung zustande usw. Das alles wirkt sich natürlich negativ auf die Effizienz der Arbeit aus.

Russland hat historisch gesehen überhaupt eine sehr niedrige Arbeitseffizienz, aber mit dem Internet ist eine neue Generation herangewachsen, die fähig ist, schnell zu arbeiten.

Die Vorsitzende des Fitness-Verbandes

Jelena Silina ist Vorsitzende des Nationalverbandes der Fitness-Center, eines Vereins, der eng mit dem Sportministerium zusammenarbeitet. Auch sie beklagt die Probleme beim Kundenkontakt und besonders bei der Werbung.

Die Fitness-Branche ist heute auf digitale Kanäle angewiesen – von der Kundenakquise bis zur Anmeldung und Kommunikation. Am meisten war bei uns die zielgerichtete Werbung in Social Media und Messengerdiensten betroffen, auf die ein bedeutender Anteil unserer Erstkontakte entfällt. (…)

Die wichtigste Veränderung ist der erzwungene Rollback zu Offline-Kanälen. Ungefähr 20 % der Firmen in der Fitness-Branche sind wieder zu solchen Methoden übergegangen: Postversand, Verteilung von Flyern in der Metro, Werbeaktionen in Supermärkten. Faktisch ist das eine Rückkehr zu den Formen der Kundenarbeit in den 2000er Jahren. Während bisher rund 60 % der Interaktion über Messengerdienste lief, werden jetzt wieder direkte Telefonanrufe zum Hauptkanal.

Jelena Silina auf der Website des Fitness-Verbandes, Slogan „Zusammen sind wir stark!“ (Screenshot)

Jelena Silina erwartet vom Staat eine Entschädigung für die entgangenen Gewinne und die zusätzlich verursachten Kosten. Fitness-Clubs gehören für sie zur sozialen Grundversorgung, sie dürfen ihrer Ansicht nach nicht von solchen Ausfällen betroffen sein:

Als gesonderte Maßnahme sollte man die digitalen Dienste der Fitness-Branche in das Verzeichnis der sozial bedeutsamen „weißen Listen“ aufnehmen, damit man den Bürgern einen störungsfreien Zugang zu Registrierung, Bezahlung und anderen Basisleistungen auch unter eingeschränkten Bedingungen gewährleisten kann.

Der Virtual-Reality-Entwickler

Noch stärker betroffen ist der Sektor der Virtual-Reality-Spiele. Erik Kalojan ist Entwicklungsleiter beim internationalen Netzwerk „Warpoint“. Es bietet in eigenen Studios virtuelle Spiele und Erlebniswelten an, zurzeit in 17 Ländern, u. a. USA, Deutschland, Spanien, Russland, Türkei, Kasachstan, Kuwait.

Wir arbeiten im Segment Unterhaltung, da ist das Internet nicht eine zusätzliche Annehmlichkeit, sondern vollwertiger Teil des Produkts. Deshalb ist jede Störung sofort spürbar, buchstäblich auf allen Ebenen. In den letzten Monaten haben die Abschaltungen und die Instabilität des Netzes natürlich erhebliche Auswirkungen auf unsere Arbeit gehabt. Teils äußerte sich das in der Verlangsamung der Virtual-Reality-Ausrüstung, teils in Störungen bei der Online-Bezahlung, teils in Problemen mit dem CRM (Customer Relationship Management), bei Reservierungen und Anrufen. Bei uns ist die ganze Telefonie internetbasiert, deshalb wirkt sich jede Instabilität sofort auf die Kommunikation mit den Kunden aus.

Werbung für Warpoint-Spiele, Screenshot von der Website warpoint.ru

Sowohl die Mitarbeiter wie die Gäste erlebten überflüssigen Stress. Die Leute kommen zu uns der Emotionen wegen, sie wollen relaxen. Technische Störungen bergen das große Risiko, die Stimmung zu verderben. Und selbst wenn das Problem schnell gelöst wird, wirkt sich diese Instabilität auf den Gesamteindruck beim Kunden aus. Deshalb ja, das Geschäft hat eindeutig gelitten – vor allem im Bereich der operationalen Stabilität und der Qualität des Service.

Der Präsident der Industrie- und Handelskammer

Befragt wurde auch der Vertreter einer regierungsnahen Organisation, Sergej Katyrin, Präsident der Industrie- und Handelskammer der Russischen Föderation. Er räumte ein, dass es zeitweise Probleme gegeben habe, wiegelte aber – in seiner Funktion nicht überraschend – insgesamt ab. Auch er führte zur Beruhigung die bereits erwähnten „weißen Listen“ ins Feld, also die (zumindest theoretisch) immer erreichbaren Webseiten und Dienste, die das Ministerium für digitale Entwicklung und Kommunikation neuerdings erstellt. Hier Katyrins Fazit:

In Moskau waren die Einschränkungen des mobilen Internets nur kurzfristiger Natur – faktisch musste die Wirtschaft ungefähr zwei Wochen unter instabilen Bedingungen arbeiten. Allerdings war die Wirkung auch in dieser kurzen Zeit spürbar, vor allem für die Wirtschaftszweige, die von digitaler Infrastruktur abhängig sind: Lieferdienste, Taxis, Logistik, Einzelhandel, Gastronomie, Fitness-Industrie.

In der Gastronomie gab es Einbußen bei den Trinkgeldern, es gab Schwierigkeiten beim Verkauf von Alkohol, beim Scannen von Barcodes. Bei Lieferdiensten und Taxis funktionierten Apps und Navigation nicht stabil. Fitness-Clubs mussten Störungen bei der Online-Anmeldung zum Training hinnehmen.

Die Unternehmer haben sich aber recht schnell angepasst: Sie haben Reservekanäle genutzt, die Arbeitsabläufe vereinfacht und sind zum Teil zu Offline-Lösungen zurückgekehrt. Die Industrie- und Handelskammer der Russischen Föderation hat ihrerseits die Frage einer gezielten Justierung der Beschränkungen und einer Verbesserung der „weißen Listen“ angesprochen, die besonders wichtige Dienstleistungen erfassen sollen, wie etwa die Seiten von Apotheken.

Zurzeit ist noch im Fluss, welche Webseiten mit welchen Diensten in diese Listen aufgenommen werden. Die Listen werden laufend angepasst und erweitert (Stand jetzt über 500 Webseiten). Polizei und Gesundheitsversorgung, Post, Banken und Bezahlsysteme sollen auf jeden Fall dazugehören, aber auch große OnlineShops und Social-Media-Kanäle. Bei letzteren werden allerdings die eigenen den ausländischen vorgezogen – also Rutube, aber nicht YouTube, Max, aber nicht Whatsapp oder Telegram, VKontakte, aber nicht Facebook usw.

„Kein mobiles Internet“ – aber bestimmte Dienste, die auf einer „weißen Liste“ stehen, sollen trotzdem immer funktionieren (Screenshot von der Seite sevastopol.su).

Putin: Internetblockaden sind Terrorismus-Abwehr

Nicht nur bei Geschäftsleuten, auch bei privaten Nutzern, in der breiten Bevölkerung, ist die Verärgerung inzwischen sehr groß. Es protestieren viele Menschen, die sonst angepasst und regierungstreu sind. Um sie zu beschwichtigen, sah sich Putin jetzt genötigt, selbst etwas zum Thema zu sagen (bisher hatte sich nur sein Regierungssprecher Dmitri Peskow dazu geäußert).

Bei einer Videokonferenz mit Mitgliedern seiner Regierung am 23. April sprach er allerdings in derart verhaspelten und gewundenen Sätzen, dass man förmlich spürte, wie lästig ihm dieses Thema war, und vielleicht auch, wie wenig überzeugt er von seinen eigenen Worten war. Hier ein Auszug aus seinem Vortrag:

Ich muss die Aufmerksamkeit auch darauf lenken, womit die Menschen in den großen Städten konfrontiert sind – nicht oft, aber es kommt vor, leider, ich meine damit gewisse Probleme und Störungen des Internets in den großen Metropolen.

Natürlich, wenn das mit der operativen Arbeit zur Abwehr terroristischer Akte zusammenhängt – und wir wissen, dass es leider manchmal solche Angriffe gibt -, dann natürlich hat immer die Sicherheit der Menschen Vorrang: unserer Kinder, unserer Liebsten, eines jeden Bürgers von Russland.

In diesem Zusammenhang möchte ich anmerken, dass man selbstverständlich im Fall des Falles Informationen bereitstellen muss, obwohl ich auch verstehe, dass, wenn die operative Arbeit zur Abwehr von Verbrechen läuft, zur Abwehr von Terrorangriffen, dass in diesem Fall eine breite Information der Öffentlichkeit im Vorfeld der operativen Arbeit schaden kann, weil die Verbrecher dann ja auch alles hören, alles sehen. Und zweifellos, wenn gewisse Informationen an sie gelangen, dann werden sie ihr verbrecherisches Tun entsprechend korrigieren, ihre verbrecherischen Pläne darauf einstellen.

Gladkow: Internetblockaden gefährden Menschenleben

Internetstörungen, die dazu führen, dass Menschen über drohende Gefahren nicht informiert werden und sich deshalb nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen können, sind keine Lappalie – das ist die Meinung von Wjatscheslaw Gladkow.

Gladkow ist der Gouverneur der Oblast Belgorod, die direkt an die Ukraine grenzt. Er dokumentiert auf seinem Telegram-Kanal täglich akribisch und mit vielen Fotos und Videos die ukrainischen Drohnen- und Raketenangriffe und die entstandenen Schäden; meist sind es Sachschäden, aber auch Menschen werden verletzt oder getötet. Er postet dort bei aktueller Raketen- oder Drohnengefahr Warnungen und Aufforderungen an die Bevölkerung, sich in Sicherheit zu bringen. Die Menschen in seiner Oblast danken es ihm, die Regierung in Moskau weniger.

Gladkow hat erst kürzlich die Internetblockaden kritisiert und betont, dass das Internet Leben retten kann – und dass die Ausfälle und Blockaden in der gefährdeten Grenzregion schon Menschenleben gekostet haben.

Tagtäglich dokumentiert Gouverneur Gladkow die Zerstörungen in seiner Oblast Belgorod (Screenshot vom Telegram-Kanal Gladkows).

Mittlerweile geht in russischen Social-Media-Kanälen das Gerücht um, Gladkow solle in seinem Amt als Gouverneur demnächst abgelöst werden.