Ein liebevoll gedeckter Tisch mit Teekännchen und silbernem Samowar, dahinter eine prächtig geschmückte Tanne und goldgerahmte Bilder – am liebsten möchte man sich hier gleich niederlassen, Tee aus dem zarten Tässchen trinken und vom Rosinenkuchen und der Konfitüre probieren. Das stimmungsvolle Bild, ein Aquarell in sanften Farben, ist signiert mit „Olga“ und datiert auf das Jahr 1935.

Die Malerin „Olga“ hieß mit vollem Namen Olga Kulikowskaja und lebte 1935 schon seit fünfzehn Jahren mit ihrem Mann und zwei Söhnen in Dänemark im Exil. Geboren wurde sie 1882 in Petersburg als Großfürstin Olga Alexandrowa Romanowa, jüngstes von fünf Kindern des Zaren Alexander III., Schwester des letzten Zaren Nikolaus II.

Reich, aber unglücklich

Sie wuchs im Luxus, aber nicht unbedingt in glücklichen Umständen auf. Der Vater, den sie sehr geliebt hatte, starb früh, schon 1894, die Beziehung zu ihrer Mutter, der Zarin Maria Fjodorowna, war distanziert und schwierig. Mit 19 Jahren heiratete Olga einen entfernten Verwandten, den Prinzen Peter von Oldenburg, einen Urenkel von Zar Nikolaus I., aus dem Haus Romanow-Holstein-Gottorp. Besser gesagt, sie wurde mit ihm verheiratet, denn es handelte sich um eine von ihrer Mutter arrangierte Ehe.

Der Prinz war in Petersburg aufgewachsen und diente zur Zeit der Eheschließung als Generalmajor in der zaristischen Armee. Das hatte den Vorteil, dass Olga in Russland bleiben konnte, in der Nähe der Mutter, die sich daran gewöhnt hatte, dass Olga und ihre ältere Schwester Xenia sie umsorgten. Es ging das begründete Gerücht um, der Prinz sei homosexuell, was sicher auch ihrer Mutter nicht unbekannt war, aber für sie offenbar kein Ehehindernis darstellte. Böse Zungen behaupteten sogar, es sei ihr ganz recht gewesen.

Schon bald versuchte Olga, ihrer unglücklichen Ehe zu entkommen, und bat ihren Bruder, den amtierenden Zaren Nikolaus II., um die Scheidung. Aber es dauerte viele Jahre, bis er ihrem Wunsch nachkam; erst 1916 wurde die Ehe annulliert, nicht geschieden. Mit inzwischen 34 Jahren konnte Olga endlich den Mann ihrer Wahl, den Rittmeister Nikolai Kulikowski, heiraten. Kennen- und lieben gelernt hatte sie ihn schon 1903.

Porträt der Familie Kulikowski: Olga und Nikolai mit den Söhnen Tichon und Guri, um 1920

Von ihrer Mutter und auch den anderen Familienitgliedern wurde diese zweite Ehe als unpassend betrachtet. Der Rittmeister war zwar auch von Adel, aber eher niedrigem, und aus ihrer Sicht einer Zarentochter und Großfürstin nicht ebenbürtig.

Flucht und Exil in Dänemark

Doch viel Zeit für solche Zwistigkeiten hatte die Zarenfamilie schon bald nicht mehr. Nach der Revolution und der Machtübernahme der Bolschewiki wurden Nikolaus II, seine Frau und seine fünf Kinder gefangengenommen. Nikolaus musste abdanken, und im Juli 1918 wurde er und seine Familie von den Bolschewiki ermordet.

Die Zarinmutter hielt sich während der Revolution gerade in Kiew auf, Olga und Xenia waren mit ihren Familien in Liwadija, der Sommerresidenz der Zaren auf der Krim. Das rettete ihnen das Leben – sie konnten von dort auf verschlungenen Wegen aus Russland fliehen. Mutter und Töchter samt Anhang fanden Zuflucht in Kopenhagen. Der dänische König Christian X. war ein Neffe von Maria Fjodorowna, die als Prinzessin Dagmar von Dänemark geboren und erst durch die Heirat mit Alexander III. zur Zarin Maria wurde. Die ältere Tochter Xenia reiste bald weiter nach London, zu den englischen Verwandten (König Georg V. war ein Cousin). Olga und die Mutter blieben dauerhaft in Dänemark.

Die Jahre in Dänemark waren für Olga wohl die glücklichsten in ihrem Leben. Der Prunk und Reichtum des Zarenhofes waren für sie ohnehin eher Last als Freude gewesen, und dass der Großteil ihres Vermögens verloren war, scheint sie nicht wirklich bekümmert zu haben. 1928 starb die Zarinmutter. 1930 erwarb das Ehepaar Kulikowski mit dem Anteil des von der Mutter geerbten Vermögens eine Milchfarm im kleinen Dorf Ballerup, 24 Kilometer entfernt von Kopenhagen, und lebte fortan von den Erträgen dieser kleinen Landwirtschaft.

Bauernhof in Dänemark, Aquarell, ca. 1930

Olga verdiente sich ein Zubrot mit ihren Bildern. Wie alle Mitglieder der Zarenfamilie hatte sie Unterricht im Zeichnen bekommen. Das gehörte damals zur Ausbildung adliger Kinder, genau wie Fechten, Reiten, Klavierspielen, Tanzen und Fremdsprachen. Die meisten Romanows brachten es durch Übung und gute Lehrer auf recht ordentliche Ergebnisse, wie eine interessante Ausstellung in Moskau 2022 dokumentierte (Genaueres dazu in den Anmerkungen) – aber Olga hatte echtes Talent. Im Laufe ihres Lebens malte sie über zweitausend Bilder, fast ausschließlich Aquarelle: Szenen aus dem russischen Landleben, Kirchen, Fensterbänke voller Blumen, Porträts ihrer Söhne und viele einladend gedeckte Tische. Manche Bilder verschenkte sie, viele verkaufte sie.

Vögel im Schnee, Aquarell, 1920er Jahre

Die ruhige Zeit in der dänischen Provinz ging nach dem Zweiten Weltkrieg zu Ende. Die Sowjetunion präsentierte dem dänischen Staat 1945 eine offizielle Protestnote: Dänemark schütze mit Großfürstin Olga eine Person, die Kontakt zu den Feinden der Sowjets pflege (gemeint waren Emigranten und Flüchtlinge vor Stalins Terrorregime) und diese aktiv unterstütze. Stalins Arm reichte weit – 1940 hatte er Trotzki im fernen Mexiko ermorden lassen. Olga hatte berechtigte Angst, auch ihr könnte etwas Ähnliches zustoßen; immerhin waren sie und ihre Schwester Xenia die beiden letzten überlebenden Mitglieder der Zarenfamilie. Ihre Brüder Sergej und Michail waren schon seit Jahrzehnten tot; Sergej war 1899 an Tuberkulose gestorben, Michail im Juni 1918 von den Bolschewiki erschossen worden.

Emigration und letzte Jahre in Kanada

So packte denn die Familie noch einmal die Koffer und floh 1948 aus dem für sie zu gefährlichen Europa weit weg nach Kanada. Auch die inzwischen erwachsenen Söhne Tichon und Guri wanderten zusammen mit den Eltern aus.

Die letzten Jahre ihres Lebens verbrachten Olga und ihr Mann sehr zurückgezogen und bescheiden, fast schon ärmlich, in einem kleinen Ort namens Cooksville nahe bei Toronto. Für die Nachbarn waren sie das Ehepaar Kulikowski, nur wenige wussten, dass Olga die Tochter eines russischen Zaren war. Nikolai Kulikowski starb 1958, Olga 1960, im Alter von 78 Jahren. Ihre Schwester Xenia war einige Monate vor ihr in England gestorben, wo sie seit den 1920er Jahren gelebt hatte – in deutlich komfortableren Verhältnissen als Olga. Der englische König hatte ihr das Landhaus Frogmore Cottage in Windsor zur Verfügung gestellt, später zog sie ins noch noblere Wilderness House in Hampton Court, wo sie regelmäßig größere Familientreffen organisierte und faktisch als Oberhaupt der Romanows residierte.

Rückkehr der Bilder nach Russland

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion änderte sich die Einstellung zur zaristischen Vergangenheit, die letzten Romanows wurden nun als Heilige und Märtyrer verehrt. Auch an Olga erinnerte man sich wieder. In den letzten Jahren wurden ihre Bilder in mehreren Ausstellungen gezeigt. Im April 2024 kehrte ein Teil davon endgültig in Olgas Heimat zurück: Eine größere Sammlung von 180 Bildern ging als Schenkung an ein russisches Museum – und 43 Aquarelle wurden erstmals bei einer Auktion in Moskau versteigert. Sie brachten einen Rekorderlös von 60 Millionen Rubel (rund 650.000 Euro). Die höchsten Preise wurden für die frühen Bilder vor 1930 gezahlt, von denen nur noch wenige erhalten und im Umlauf sind.

Ansicht einer Provinzstadt, Aquarell, 15 x 21 cm, 1920er Jahre

Das obige Bild erzielte auf der Auktion den zweithöchsten Preis: 3,1 Millionen Rubel (33.500 Euro).

Anmerkungen und Links

Man findet im Internet viele Beiträge zur Großfürstin Olga, Blogbeiträge, YouTube-Videos, meist in russischer oder englischer Sprache. Das Interesse heutiger Russinnen und Russen an den Romanows ist riesig und sehr wohlwollend. In diesem Blogbeitrag auf der Plattform LiveJournal sind besonders viele und schöne Reproduktionen ihrer Aquarelle zu bewundern, entstanden zwischen 1900 und Mitte der 1950er Jahre – also ein guter Einblick in ihr Werk.

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Eine ungewöhnliche Ausstellung zeigte im Herbst 2022 das Staatsarchiv der Russischen Föderation: mehr als 300 Zeichnungen und künstlerische Arbeiten von den Kindern der Romanow-Dynastie von 1787 bis 1917, unter dem Titel „Die Romanows – Zeichenstunde“. In der vielbeachteten und gut besuchten Ausstellung konnte man zum ersten Mal die Früchte des intensiven Zeichenunterrichts der Kinder besichtigen. Der Unterricht begann schon im Alter von sieben Jahren, und es waren oft bekannte Künstler, die dafür engagiert wurden, manche holte man sich dafür eigens aus dem Ausland an den Zarenhof.

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In der kleinen dänischen Gemeinde Ballerup, wo Olga mit ihrer Familie viele glückliche Jahre verlebte, befindet sich ein Heimatmuseum, das einen Teil seiner Dauerausstellung der Großfürstin gewidmet hat. Auf seiner Homepage wirbt es mit einem Bild der fröhlich lachenden Olga.

Screenshot von der englischsprachigen Homepage des Museums