Manchmal findet man zwischen all der Propaganda und Kriegsrhetorik in russischen Medien einen Bericht oder Kommentar, der einen überraschenden Einblick in die Stimmungslage im Land gibt, wenn auch nur als flüchtiges Streiflicht. So zum Beispiel im folgenden Artikel aus dem Moskauer Stadtmagazin „MoskvichMag“ zum Thema Urlaub. „MoskvichMag“ ist ein Lifestyle-Magazin, das sich vor allem an gebildete und gut verdienende Großstädter(innen) wendet. In diesem Milieu scheint die Geschichte vom russophoben „kollektiven Westen“ nicht oder nur teilweise zu verfangen.

Der ebenso aufschlussreiche wie amüsant zu lesende Artikel wurde von der Journalistin Darja Tjukowa geschrieben und erschien am 12. August 2026. Hier meine leicht gekürzte Übersetzung.

„Wo waren Sie im Urlaub?“

Eine Frage, die bald taktlos sein wird

Noch bis vor kurzem galten Gespräche über Reisen als harmlos, sie gehörten zu den allgemein akzeptierten Varianten des vielgeschmähten Smalltalks, in dessen Rahmen es als unschicklich gilt, über Politik und Religion, über Geld und Gesundheit oder über anderer Leute Privatleben zu reden. Das Thema Reisen dagegen war salonfähig und passte immer. Aber das war einmal. (…) Heute führt die Frage „Wo waren Sie im Urlaub?“ auf gefährliche Minenfelder.

Am ehesten riskiert man dabei, auf Leute zu treffen, die routiniert erwidern: „Wovon reden Sie?! Was für ein Urlaub? Was für Reisen? Wissen Sie nicht, was in der Welt passiert? Dafür ist jetzt nicht die Zeit.“

Die zweite, prosaischere Variante sind Menschen, die sich Reisen schlicht nicht mehr leisten können. Egal ob nach Barcelona oder Thailand oder nur nach Kislowodsk. (…)

Ich stellte diese ungeschickte Frage einer Nachbarin im Aufzug, und zwar einer, von der ich eigentlich genau wusste: Sie reist sehr gern, ist erpicht auf neue Eindrücke. Einmal hatten wir in diesem Aufzug schon ohne Punkt und Komma über die Fähre von Helsinki nach Stockholm diskutiert und über den Unterschied zwischen der ägäischen und der südlichen Mittelmeerküste der Türkei.

Diesmal aber antwortete sie mir mit einem kurzen Kraftausdruck. Dann erklärte sie: „Das ist aus und vorbei. Keine Urlaube mehr. Ich bin jetzt nämlich Geheimnisträgerin und darf nirgends mehr hin. Und ein Blick auf die Preise für Sotschi hat mir gereicht. Entschuldigung, aber in meiner Behörde verdiene ich nicht so viel, das ist was für meine Chefs. Und selbst an der Ostsee muss man für ein Zimmer in einem anständigen Hotel um die 15.000 pro Nacht bezahlen, und dabei ist das Meer dort kalt.“

(Anmerkung: Mit der Ostsee sind die in den letzten Jahren sehr beliebt gewordenen Badeorte in der Exklave Kaliningrad gemeint, also kein Ausland, sondern Inland, genau wie Sotschi.)

Ich erinnerte mich: Die Nachbarin hat eine ziemlich bescheidene Stellung in einer ziemlich unbescheidenen staatlichen Behörde. Neuerdings fällt sie zusammen mit ihren hochgestellten Chefs unter das Ausreiseverbot. Und der Inlandstourismus ist inzwischen schon längst kein Teil der Economy-Klasse mehr, sondern schockiert mit immer höheren Preisen (bei oft mäßiger Qualität).

Das ist die Realität, nicht der Traumurlaub mit Happy End, Sonnenbräune und bunten Magneten am Kühlschrank. Die Statistik lügt nicht. Die Ergebnisse der Umfragen stimmen bis auf kleine Unterschiede weitgehend überein: Fast jeder dritte Russe verzichtet 2026 auf den Urlaub beziehungsweise verbringt ihn zu Hause (Zahlen von WZIOM und SuperJob). Auch im Rahmen einer Studie von Rambler&Co. erklärten 25% der Befragten kategorisch, nicht verreisen zu wollen – sie gedenken den Urlaub auf dem Sofa zu verbringen, wenn es denn ohne nicht geht und die Personalabteilung darauf besteht. (…)

(Anmerkung: WZIOM ist ein großes staatliches Meinungsforschungsinstitut, SuperJob eine Jobbörse und Rambler&Co. ein Internet-Portal für verschiedene Serviceleistungen.)

Von welcher Seite man es auch betrachtet, das Fazit bleibt gleich: Urlaub – also der mit Verreisen – hört auf, eine Geschichte für die große Mehrheit zu sein.

Denn: Es gibt kaum noch ein Urlaubsziel ohne Risiken oder erhebliche Kosten. Wohin man auch schaut, wohin man sich auch aufmacht, welches Transportmittel man auch wählt – immer gibt es zwei, drei Hürden. Entweder ist es zu teuer oder es ist zu weit weg und die Reise zu unbequem oder es ist nicht ungefährlich oder derart kompliziert, dass klar ist – die Sache ist der Mühe nicht wert.

Oder alles zusammen.

Der Flug kann verschoben oder abgesagt werden, und das nicht nur in Russland, sondern auch in anderen Ländern – die Touristen, die im März in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Umgebung strandeten, sind dafür ein Beispiel. Zugtickets für beliebte Ziele sind gleich nach Verkaufsbegin vergriffen, und so bleibt einen Monat vor der geplanten Reise nur der Billigplatz auf der obersten Pritsche am Rand oder die Luxusklasse für mehrere zehntausend Rubel (und auch das ist nicht sicher).

Und so geht es weiter. Der Sommer 2026 brachte ausgerechnet der bodenständigsten und zuverlässigsten Fraktion unserer Urlauber, den Autotouristen, eine unangenehme Überraschung. Den Leuten, die einst stolz verkündeten: Es gibt nichts Besseres als im eigenen Auto zu verreisen! Bewährt, sicher, unabhängig!

Oje! Die Benzinkrise macht ihnen einen Strich durch die Rechnung. Eine Fahrt mit dem Auto auf die Krim oder nach Belarus oder die gute alte Reise von Petersburg nach Moskau oder eine andere bewährte Route – Pskow und Nowgorod über Waldai oder Kostroma über Pljos und Iwanowo zum Beispiel – ist jetzt viel zu riskant. Da werfen viele Autofahrer das Handtuch. Womöglich gibt es unterwegs kein Benzin, und man hat keine Lust, irgendwo auf freiem Feld liegenzubleiben – der Urlaub wäre gelaufen.

Ein kurzer Einschub zu diesem Thema aus einem anderen Artikel: „Autotouristen fanden an den Tankstellen zwischen Moskau und Petersburg kein Benzin“ lautet die Überschrift.

Screenshot von der Website g-travel.ru

Weiter im Text wird berichtet, dass die Reisenden bei Tee und Snacks bis zu sieben Stunden auf Nachschub warten mussten. Die M-11 Newa ist die neue Autobahn von Moskau über Twer nach Petersburg, ein Prestigeprojekt Putins. (Umso peinlicher, wenn gerade dort das Benzin ausgeht.)

Aber mal angenommen, alle Hindernisse sind glücklich überwunden, die Angst besiegt, genug Geld ist auch verfügbar – und man hat sich auf den Weg gemacht! Auch dann kann das Gespräch über den Urlaub überraschende Wendungen nehmen.

Kürzlich saßen bei einem Presse-Frühstück Kollegen neben mir und erörterten lebhaft ihre Urlaubsreisen, während wir noch auf den Redner warteten. Eine junge Frau erzählte von ihren Plänen, nach Belarus zu fahren, ein junger Mann schilderte sehr amüsant die Malediven. Zwei Welten, zwei Vorstellungen von Urlaub, so schien es … Aber in einem Punkt waren sie derselben Meinung.

„Klar, bis zu den Malediven sind es neun Stunden, aber wenigstens kann man sich ins Flugzeug setzen und ohne Stress fliegen, Direktflug. Ohne in Istanbul oder in Jerewan umsteigen zu müssen, wie die, die unbedingt nach Europa müssen … „

„Genau, ich verstehe überhaupt nicht, welcher normale Mensch heute noch auf die Idee kommen kann, in Europa Urlaub zu machen! Gut, wenn man dort Verwandte hat oder irgendwelche Geschäfte, aber bloß so … Das ist doch ätzend dort, richtig pervers.“

Wären die Kollegen plötzlich auf die Idee gekommen, mich zu fragen – ich fürchte, es wäre höchst peinlich für uns alle geworden. Denn ich war erst vor wenigen Wochen aus Frankreich zurückgekommen. Ja, genau, aus diesem „perversen“ Land und mit Zwischenstopp und Umstieg in Jerewan. Wenn man eine solche „Perversität“ erwähnt, muss man neuerdings mit einer Vielzahl nerviger Fragen und Kommentare rechnen, die so gar nichts mit weltläufigem Geplauder zu tun haben.

„Was kostet ein Flug dorthin denn jetzt?! Und geht es dir nicht auf die Nerven, dauernd umzusteigen?“

„Es heißt, für die Visa gibt es jetzt so lange Schlangen, dass man sich schon nachts dafür anstellen muss! Das ist doch erniedrigend!“

„Oho, wieviel Geld braucht man jetzt dafür? Bestimmt eine halbe Million, nicht weniger! Oder fliegst du etwa mit einem Billiganbieter? Aber nein, das wäre doch keine Erholung!“

Und das auch ohne die allgegenwärtige politisch-patriotische Rhetorik, mit der man als Liebhaber von Auslandsreisen jetzt immer rechnen muss. Aber auch so ist mir die Lust dann schon vergangen, von meinem Urlaub zu erzählen, lieber wechsele ich schnell das Thema. (…)

Auch wer den Trend zum Urlaub im eigenen Land unterstützt, bleibt nicht ungeschoren, wenn er nicht gerade gängige Ziele wählt wie Krasnaja Poljana, Kaliningrad oder den Altai, sondern zum Beispiel Samara oder Wologda. Sehr wahrscheinlich kommt dann die einfallslose Frage: „Hast du da Verwandte?“ – „Nein.“ – „Aber was machst du dann da?“ Und die letzte Frage wird von einer angewiderten Grimasse begleitet. (…)

Das erschöpfendste Gespräch zum Thema führte ich einmal an der Kaffeemaschine im Büro. Ein Kollege, der in der Schlange hinter mir für einen Cappuccino anstand, stellte mir die besagte Frage: „Wo warst du im Urlaub?“

Ich war gerade zurückgekommen. In der Türkei, am Ägäischen Meer, lautete meine knappe Antwort.

„In Russland muss man Urlaub machen“, kommentierte der Kollege belehrend.

„Dann mach das, wenn du es brauchst.“

Ich glaube, er war beleidigt.

Wellness-Urlaub auf der Krim?

Politiker müssen in dieser Frage natürlich Vorbild sein – wie zum Beispiel Dmitri Tschernyschenko, einer der Stellvertreter des Ministerpräsidenten Mischustin, zuständig unter anderem für die Bereiche Kultur, Tourismus und Sport, der sich in einem Interview im Juni 2026 wie folgt äußerte:

Auf die Frage des Senders Junaschew.Live, ob er weiterhin optimistisch für die Sommersaison bleibe, sagte Tschernyschenko am Rande eines Kongresses der Partei „Einiges Russland“: „Wir sind immer Optimisten. Sehen Sie, wir haben ein so riesiges Land, mit so vielen Orten, an die man fahren kann. Es gibt immer mehr Angebote, Erlebnistourismus, patriotischer Tourismus, Kururlaub, Ethnotourismus. Urlaubsmöglichkeiten in Hülle und Fülle.“

Tschernyschenko selbst plant, auf der Krim Urlaub zu machen, und will seine Pläne nicht ändern. „Ja, natürlich. Auf der Krim, ja“, antwortete er auf die Frage des Journalisten Alexander Junaschew.

Zu welcher Form von Tourismus er seinen Urlaub auf der Krim zählt, sagte der Politiker nicht – vielleicht eine Mischung aus patriotischem und Erlebnistourismus?

Die russischen Reisegesellschaften jedenfalls bieten Ferien auf der Krim auch in Kriegszeiten weiterhin unverdrossen als Wellness- und Spa-Urlaub an, wie zum Beispiel in dieser Werbung der Firma Travelcrimea:

„Antistress-Programme auf der Krim: Was Hotels und Retreat-Center für einen ’schläfrigen‘ Urlaub anbieten“ lautet die Überschrift zu diesem Foto.

„Nischentourismus“

So bezeichnete die russische Nachrichtenagentur Interfax in einer Meldung im April dieses Jahres den Urlaub in Westeuropa, der durch die Sanktionen der EU sehr umständlich und auch sehr teuer geworden ist.

In der Schengenzone sind die gefragtesten Länder Griechenland, Italien und Frankreich, danach folgt Spanien. Außerhalb von Schengen sehen wir eine große Nachfrage nach dem visumfreien Serbien und auch nach Zypern, das zwar faktisch dieselben Schengen-Forderungen an die Interessenten stellt, aber die Überprüfung der Dokumente dauert nicht so lange.

Man muss sich das allerdings auch leisten können. In den Schengenländern kostet ein ein- bis zweiwöchiger Urlaub ohne Flug umgerechnet um die 5000 Euro, am teuersten ist es in Frankreich (diese und weitere Zahlen findet man in einem anderen Interfax-Artikel vom 29. Juni 2026). Trotzdem ist letztes Jahr die Nachfrage wieder etwas gestiegen, um 14,2% im Vergleich zu 2024. Fast alle Anträge wurden übrigens auch bewilligt, die Quote der abgelehnten Anträge beträgt nur 6,4%.