RUSSLAND HEUTE
Schon seit einigen Jahren entstehen auf Veranlassung Putins in verschiedenen Städten Russlands Museen, die den Krieg gegen die Ukraine – offiziell immer noch „militärische Spezialoperation“ genannt – dokumentieren sollen. Eine ungewöhnliche Maßnahme, denn normalerweise bewahren und erklären Museen das Erbe der Vergangenheit und stellen nicht noch im Fluss befindliche Ereignisse dar.
Wenn man sich verschiedene Berichte zum Thema anschaut, so scheinen sich alle diese neuen Museen in Aufbau und Zielrichtung sehr zu ähneln. Ich habe einige Passagen aus Artikeln über zwei der größten Ausstellungen in Nischni Nowgorod und in Moskau zusammengestellt und übersetzt.
1. Nischni Nowgorod
Das Museum in Nischni Nowgorod (Großstadt in Zentralrussland, ca. 1,3 Millionen Einwohner) wurde Anfang 2024 eröffnet. Eine Reporterin der lokalen Nachrichtenagentur „V gorode N“ [„In der Stadt N“] hat die Ausstellung besucht und schreibt:
Letztes Jahr ordnete Putin an, in Russland eine Reihe von Museen zu schaffen, die der „Militärischen Spezialoperation“ gewidmet sind. Diese Aufgabe wurde gleich mehreren Ministerien sowie der Assoziation „Russländische Historische Gesellschaft“ übertragen. Als wichtiger Teil der Ausstellungen sollen mit der Spezialoperation in Zusammenhang stehende Artefakte präsentiert werden.
Wie uns der Direktor des SWO-Museums von Nischni Nowgorod, Roman Sawin, erklärte, ist die Ausstellung in erster Linie für Schüler gedacht. Damit die Kinder sich nicht mit langen Texten abmühen müssen, werden alle Informationen als interaktives Format angeboten. So kann man zum Beispiel die Videoclips auf einem der Bildschirme auf ungewöhnliche Weise aktivieren – man legt ein Militärabzeichen mit einer bestimmten Symbolik auf ein spezielles Paneel, und dann schaltet sich das entsprechende Video ein.
Besondere Begeisterung rufen bei den Kindern die Videos hervor, die russische Waffentechnik in 3D-Visualisierung zeigen. Hier kann man sich etwa den Kampfjet MiG-29 von allen Seiten anschauen. Besonders anrührend ein Detail – für die Allerkleinsten sind Armeekisten zum Draufsteigen aufgestellt worden.

Die Virtual-Reality-Brillen finden sowohl bei Kindern wie auch bei Erwachsenen Anklang. Sie ermöglichen es, sich an verschiedene Ort der Spezialoperation zu versetzen. Zum Beispiel nach Sewerodonezk, zu einer besonderen Sehenswürdigkeit der Spezialoperation: Dort ist ein Panzer der ukrainischen Streitkräfte im Torbogen eines Wohnhauses steckengeblieben.
(…)
Für die jungen Museumsbesucher ist nach der Führung ein Quiz vorgesehen. Für richtige Antworten auf die Fragen zur Spezialoperation bekommen die Kinder einen kleinen Preis.




Paracetamol für den Angriff
Der exilrussische Fernsehsender „Vot Tak“ brachte im November 2025 auf seiner Internetseite eine ausführliche Reportage einer Mitarbeiterin, die drei solcher Museen (Nischni Nowgorod, Moskau, St. Petersburg) besucht und an Führungen teilgenommen hat. „Vot Tak“ arbeitet mit dem russischen Dienst der BBC zusammen und wurde 2024 von Russland als „unerwünschte Organisation“ geächtet. Im Folgenden einige Auszüge aus dieser Reportage, zunächst ebenfalls über das Museum in Nischni Nowgorod.
Ich registriere mich für einen Werktag und bin in fünf Minuten da, aber die Führung hat schon begonnen – eine Gruppe von Sechstklässlern hat nicht auf mich gewartet.
Ich hole sie in einem Saal ein, der der Chronologie der Invasion gewidmet ist. Der Museumsführer in schwarzer Uniform mit der Aufschrift „Der Sieg ist unser“ auf dem Rücken erklärt den Schülern, dass die ukrainische Standardmethode der Kriegführung der Terror sei.
(…)
„Diese Informationen sollen euch zum Nachdenken anregen, damit ihr begreift, gegen wen wir kämpfen und was für Monster uns gegenüberstehen. Sowieso wird das alles früher oder später zu Ende sein. Und wie wird es zu Ende gehen, kann mir das einer sagen?“
„Mit einem Sieg“, sagen schüchtern ein paar kleine Jungen.
„Völlig richtig, mit einem Sieg Russlands. Weil immer alles so zu Ende geht.“
In einem Saal mit dem Thema „Unterstützung für die Front“ will derselbe Führer von der Klasse wissen, wie sie den Soldaten helfen.
„Wir schicken Essen“, meldet sich eine leise Kinderstimme.
„Medikamente, Süßigkeiten. Erinnert euch!“, ruft die Lehrerin den Schülern zu. „Schutzkleidung …“
Der Führer lobt die Kinder und erzählt, dass jede „zivile“ Tafel Schokolade „unvergleichliche“ Gefühle schenke, wenn ringsum alles drunter und drüber gehe, und dass Paracetamol dabei helfe, den Feind anzugreifen, selbst bei 39 Grad Fieber.
(…)
Der nächste Museumsführer zeigt den Schülern Uniformen und Ausrüstung der russischen Soldaten. Unter anderem erzählt er, wozu eine Notfalltasche nötig sei.
„Jeder Soldat hat in dieser Notfalltasche eine Spritze mit einem starken Narkotikum. Wenn er an Armen oder Beinen schwer verwundet wird, setzt man ihm eine Spritze direkt durch die Kleidung, das Mittel gelangt ins Blut, und er stirbt zumindest nicht an dem Schmerzschock“, erläutert der Mitarbeiter.
Nach der Führung stellen sich die Kinder vor den VR-Brillen an, durch die man Panoramen der besetzten und zerstörten Städte betrachten kann. Ich gehe zurück in den Saal über die Ursachen und Aufgaben der Invasion, den die Gruppe schon vor meiner Ankunft besichtigt hat. Auf einem großen Bildschirm sind Thesen zur NATO an den Grenzen zu lesen, zu acht Jahren Beschuss des Donbass und zu Neonazis, die nach dem angeblichen Umsturz von 2014 in Kiew an die Macht gekommen seien.
„Russland plant KEINE Okkupation der Ukraine. Russland zwingt niemandem irgendetwas gewaltsam auf“, wird vom Bildschirm herab versichert.
2. Moskau
Das Moskauer Museum befindet sich in einem der Pavillons auf dem Gelände der Allunionsausstellung (russisch meist abgekürzt WDNCh), die von den 1930er Jahren bis Anfang der 1950er angelegt wurde und die Errungenschaften der sowjetischen Wirtschaft präsentierte. Bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion gehörte eine Besichtigung der WDNCh zum Programm jeder Moskau-Reise. Neben den Pavillons mit spezieller Thematik hatte auch jede Sowjetrepublik ihren eigenen Pavillon, und unter diesen war der ukrainische der größte und prächtigste. Ausgerechnet hier wurde 2025 das Museum für die Spezialoperation eingerichtet.

Die Ausstellung ist ganz darauf ausgerichtet, vermeintliche Parallelen zwischen dem Ukraine-Krieg und dem Zweiten Weltkrieg oder, wie er in Russland heißt, dem „Großen Vaterländischen Krieg“ herzustellen.
Auf der Homepage der Allunionsausstellung findet man dazu folgende Auskunft:
Eine der Schlüsselideen dieses Spezialprojekts ist es, die Kontinuität russischer militärischer Traditionen zu zeigen und die unverbrüchliche Verbindung zwischen den verschiedenen Generationen der Verteidiger unseres Vaterlandes zu unterstreichen.
Russische „Botanik“
Von den sieben Themenkomplexen liegt der Teil mit dem eher harmlos klingenden Titel „Der russische Wald – Botanik des Kampfes“ den Ausstellern besonders am Herzen:
Hier kann man Militärtechnik des Gegners besichtigen, die die Raketen- und Artilleriesysteme der russischen Streitkräfte unbrauchbar gemacht haben: die „Magnolie“, die „Weide“ und andere. Viele dieser Systeme haben weltweit keine Entsprechung.
Dass Putins gefürchtete Mittelstreckenrakete „Oreschnik“ zu deutsch „Haselstrauch“ bedeutet, ist mittlerweile auch hier bekannt, dass es aber eine ganze „botanische“ Serie von Waffen gibt, eher nicht. An anderer Stelle auf der Homepage heißt es dazu:
Die Besucher werden über die Besonderheiten der Artilleriesysteme mit so romantischen Namen wie „Tulpe“, „Nelke“ oder „Pfingstrose“ informiert und können anschließend auf dem Bildschirm die mächtigsten Panzerhaubitzen unseres Landes in Aktion sehen. Die Tradition, Waffen zu Ehren der Flora zu benennen, besteht übrigens bereits seit dem Großen Vaterländischen Krieg. Damals wurden die faschistischen „Panther“ und „Tiger“ von unserem Artilleriegeschütz „Johanniskraut“ zerstört.
Das Johanniskraut heißt auf Russisch allerdings weniger romantisch „зверобой“, eine Bezeichnung, die sich aus den Wörtern für „Raubtier“ und „Kampf“ zusammensetzt und zu den damaligen Panthern und Tigern besser passte als die heutigen Tulpen und Nelken zu den Leoparden und Mardern.


Ukrainische „Hexen“
Die oben bereits zitierte Reporterin von „Vot Tak“ hat auch das Moskauer Museum auf dem Gelände der Allunionsausstellung besucht; sie berichtet:
Nach der Kontrolle und dem Durchgang durch einen Metalldetektor empfängt den Besucher der langgestreckte „Saal des Kriegsruhms“. Rechts werden Videos aus der Chronik des Großen Vaterländischen Krieges auf die Wand projiziert. Rotarmisten marschieren über den Roten Platz, sowjetische Panzer fahren vorbei, auf dem Reichstag wird die Fahne gehisst. Links marschieren ebenfalls Soldaten in Reih und Glied, und Miltärfahrzeuge rollen vorüber – aber russländische, und anstelle der roten Sowjetfahne und Berlin sieht man die russische Trikolore und Mariupol.
(…)
Allzu viele Besucher sind es am Abend und am Wochenende nicht: ein junges Pärchen, eine Gruppe von drei jungen Mädchen, einige Familien mit Kindern. Ein Mann studiert die Exponate besonders aufmerksam, und ich bitte ihn, seine Frau und seine halbwüchsige Tochter, mir ihre Gefühle zu schildern.
„Ein beeindruckendes Museum!“, antworten Mutter und Tochter im Chor.
„Das ist gleichzeitig Geschichte und reales Leben“, sagt das Mädchen. „Wir sehen, was jetzt passiert und was früher passierte. Kampfhandlungen, echte Raketen, Drohnen.“
„Man kann sogar eine echte Baba Jaga sehen – sehr interessant!“, fügt die Mutter hinzu. [„Baba Jaga“ ist in den Märchen der slawischen Völker der Name der Hexe, und so heißt auch eine ukrainische Großdrohne.]
„Der Heroismus unserer Kämpfer wird gezeigt“, ergänzt der Vater gewichtig. Er hat selbst in der Ukraine gekämpft und erklärt voller Stolz, dass in der Ausstellung auch sein Kommandant vorkommt – Rustam Saifullin, ein Oberst der Pioniertruppen.
„Sagen Sie als Teilnehmer an Kampfhandlungen doch – wie gut gibt das Museum die Ereignisse an der Front wieder?“
„Großartig, ganz großartig haben sie das gemacht!“, ruft mein Gesprächspartner aus. „Die Jugend muss darüber Bescheid wissen, der Patriotismus keimt auch bei unseren jungen Leuten auf. Wir müssen die Geschichte kennen und wissen, gegen wen unsere Soldaten gekämpft haben. Und gegen wen der Kampf weitergeht – ich denke, das ist noch nicht das Ende.“
„Sie meinen den Westen?“
„Ja, natürlich“, bekräftigt er kategorisch.
Im letzten Saal mit dem Titel „Der Weg des Kriegers“ gleiten die Namen von Soldaten über die in flammendrotes, feierliches Licht getauchte Leinwand – „gefallen auf dem Schlachtfeld für das Vaterland“. Eine Stimme aus dem Off stellt die Frage, woraus der russische Mensch die Kraft schöpft, bis zum Letzten zu kämpfen, ob am Peipus-See, bei Stalingrad oder bei Awdejewka. Und gibt selbst die Antwort: Das Geheimnis sei das „russische Herz“, das zu glauben und zu lieben verstehe.

Weitere Museen der Spezialoperation gibt es über ganz Russland verstreut, u. a. in Kasan, Saratow, Tscheljabinsk und in Jewpatorija auf der Krim, demnächst sollen Jekaterinburg und Kislowodsk folgen.
Auch in sehr vielen Schulen wurden seit Ende 2023 feste Ausstellungen zum Thema eingerichtet, natürlich in kleinerem Umfang. Von klein auf werden die Kinder so daran gewöhnt zu glauben, Russland werde von außen bedroht und es sei ihre patriotische Pflicht, das Vaterland unter Einsatz des eigenen Lebens zu verteidigen.