RUSSLAND HEUTE
In der kleinen Stadt Widnoje (56.000 Einwohner) einige Kilometer südöstlich von Moskau freuen sich die Menschen seit einigen Jahren über eine ungewöhnliche Verschönerung ihrer Straßen und Gebäude: An vielen Stellen, vor allem an eher öder und grauer Architektur, tauchen immer wieder kleine fantasievolle Mosaiken in lebhaften Farben auf. Mittlerweile sind es schon über hundert.
Wie es dazu gekommen ist und wer dahintersteckt, berichtete kürzlich das Moskauer Stadtmagazin „MoskvichMag“, das den Mosaik-Künstler besuchte und interviewte. Er heißt Alexej Metlizki, ist von Beruf Marketingfachmann, und die Mosaiken sind sein Hobby nach Feierabend.
Hier das von mir übersetzte (leicht gekürzte) Interview, das die Zeitschrift mit ihm geführt hat.
Wie hat Ihre „Mosaik-Offensive“ auf die Straßen von Widnoje begonnen?
Als ich meine ersten Mosaiken angebracht habe, hatte ich mir mehrere Ziele gesetzt. Ich wollte mit meinen Arbeiten ins Offline gehen und dem städtischen Raum mehr Originalität geben, die Umwelt ein wenig zum Besseren verändern. Aber vor allem wollte ich die Stimmung der Menschen heben, wenn sie meine Arbeiten auf der Straße sehen.
Alles hat Ende 2022 angefangen. Sie erinnern sich, was für eine angespannte Zeit das war? Alle scrollten endlos durch die Nachrichten, die Atmosphäre war bedrückend. Ich wollte die Leute wenigstens ein bisschen auf andere Gedanken bringen, ihnen zeigen, dass es noch Gutes in der Welt gibt. Ein Mensch geht über die Straße, denkt an seine Probleme, sieht plötzlich so ein fröhliches Mosaikbild und schaltet für einen Moment um, lächelt, denkt an etwas Erfreuliches. Für einen solchen Moment mache ich das alles.

„Splitter“, die Freude bringen sollen
Schon als Schüler habe er gern gezeichnet, erzählt Metlizki, und sich für Street-Art interessiert. Auf die Idee mit den Mosaiken brachte ihn ein Künstler aus Frankreich, der sich Space Invader nennt und in der ganzen Welt seine gepixelten Mosaikbilder verteilt. Metlizkis Methode ist anders, keine quadratischen Pixel wie beim Invader, sondern unregelmäßige Splitter wie in traditionellen Mosaiken. Und so hat er sein Projekt auch genannt: „Splitter“ (russisch „Oskolki“). Das Material kauft er in Baumärkten oder in Fachgeschäften für Mosaikkünstler. Am Küchentisch in seiner Wohnung entstehen dann nach Feierabend seine Werke. Wenn das Bild zusammengesetzt, der Klebstoff getrocknet und die Rückstände entfernt sind, sucht er nach einem geeigneten Ort, wo er das Mosaikbild mit Montagekleber anbringen kann.

Manchmal ist es auch umgekehrt – zuerst ist der Ort da, dann folgt das Mosaik:
Auf manche Ideen hat mich ein konkreter Ort erst gebracht. Zum Beispiel gibt es bei uns in Widnoje einen Park mit einem künstlichen Teich und einer dekorativen Brücke. Und auf dieser Brücke tauchte dann ein Mosaikfrosch auf.
Oder ein anderes Beispiel. Früher bin ich mit einem Kumpel regelmäßig in die örtliche Banja gegangen. Und ich dachte mir, es wäre doch super, dort etwas Passendes zum Thema zu machen. Als Ergebnis habe ich dann an der Banja ein Mosaik in Form eines Birkenquastes angebracht.
Eine ähnliche Geschichte hat das Mosaik mit dem roten Kater, den ich als Avatar für meinen Kanal gewählt habe. In einem Hinterhof kümmerte sich eine Oma um die Straßenkatzen, dafür hatte sie aus Körben ein improvisiertes Katzenhaus gebaut, als Schutz vor schlechtem Wetter, und ihnen dort Futter hingestellt. Ich dachte, es wäre eine gute Idee, dort neben dem Unterschlupf noch einen Mosaik-Kater anzusiedeln, der dann bei den lebendigen Katzen sitzen würde.

Eine meiner letzten Serien besteht aus Hommagen an bekannte Gemälde. In Widnoje gibt es auf der Sawodskaja-Straße Häuser, an deren Vorderfront rechteckige dekorative Elemente verlaufen, die an Bilderrahmen erinnern. Daraus entstand die Idee, eigene Mosaikversionen von Meisterwerken der Malerei zu schaffen und sie in diese Rahmen zu setzen. So kamen die Mosaiken „Malewitsch“ oder „Über der Stadt“ nach Chagall zustande.

Ihre Mosaiken sind keine monumentalen Werke wie Zeretelis Denkmal für Peter den Großen, sie fallen kaum auf, und trotzdem: Wie reagieren die städtischen Behörden auf Ihre Kunst?
Bis jetzt hat es zum Glück keine besonderen Probleme gegeben. Die Mosaiken sind wirklich nicht groß. Außerdem bemühe ich mich, sie dort anzubringen, wo sie nicht auf negative Reaktionen stoßen. Ich klebe sie niemals auf Privateigentum, gewöhnlich suche ich unbewohnte Objekte der städtischen Infrastruktur aus – Trafohäuschen, graue Betonwände, Pfeiler.
Allerdings – wenn man ein Mosaik oder ein anderes Objekt der Street-Art im Freien anbringt, ist man nicht vor Vandalen geschützt, die es beschädigen oder zerstören. Und die kommunalen Dienste dürfen einfach alles im Grau der Mauer übermalen.
Das Erstaunliche ist, wenn so etwas passiert, reiben manche meiner Abonennten von sich aus die übermalten Arbeiten wieder sauber, dafür bin ich ihnen sehr dankbar. Es gab auch einige Fälle, da haben Leute ein abgerissenes Mosaik gefunden und mir gebracht, damit es wieder an seinen Platz zurückkehren kann.
Ja, und auch unter den städtischen Beamten gibt es solche und solche. Manchmal lassen sie ein Trafohäuschen neu streichen und rühren mein Mosaik darauf nicht an, sondern rahmen es im Gegenteil noch farbig ein.
Die Mini-Mosaiken gibt es auch online
Wie man an der Erwähnung der „Abonnenten“ sieht, so ganz „offline“, wie ursprünglich geplant, ist das Projekt nicht mehr. Auf Instagram und Telegram stellt Alexej Metlizki seit einiger Zeit in Fotos, Videoclips und Texten seine Mosaiken vor (siehe hier und hier). Für einen Marketingfachmann wäre es auch erstaunlich, würde er diese Möglichkeiten nicht nutzen. Man findet dort auch eine Karte mit den Orten bzw. Adressen seiner Bilder.
Ich versuche, auf allen sozialen Netzwerken präsent zu sein. Die wichtigste Plattform ist Telegram, dort hat sich das größte Publikum versammelt. Ich bin sehr froh, dass sich rund um mein Projekt eine so tolle Gemeinschaft gebildet hat. Die Abonnenten schicken mir ihre Fotos von den Mosaiken, manche schreiben, dass sie mit meiner Karte in der Hand spazierengehen oder für Freunde, die aus anderen Städten nach Widnoje zu Besuch kommen, regelrechte Schnitzeljagden organisieren.
Die erwähnten sozialen Netzwerke Telegram und Instagram sind in Russland eigentlich als unerwünschte westliche Dienste blockiert, daran scheinen sich aber die wenigsten Internetnutzer in Russland zu stören, und alle wissen, wie man die Blockaden umgeht – das nur nebenbei.
Street-Art nur als Hobby?
Trotz der Präsenz auf Social Media sind die „Splitter“ für den Marketing-Mann nur sein liebstes Hobby, Geld kann er damit nicht verdienen und hat das auch in Zukunft nicht vor. Aber er sieht durchaus wirtschaftliches Potential:
Ja, es gibt private Handwerksmeister und sogar Mosaik-Studios, die von Aufträgen für Mosaiken leben können. Ich kenne auch Fälle, wo Mosaiken im Stadtbereich im Auftrag der städtischen Verwaltung angefertigt werden. Zum Beispiel im Rahmen der Street-Art-Festivals. Leider ist das aber eher die Ausnahme als die Regel, meist wird die Straßenkunst übermalt.
Dabei kann tolle Street-Art nicht nur Freude bereiten und den städtischen Raum verschönern, sondern auch die wirtschaftliche Entwicklung fördern. So funktioniert es in Jekaterinburg oder in Nischni Nowgorod – sie sind berühmt für die große Zahl an Werken der Straßenkunst. Viele Touristen reisen extra deswegen in diese Städte. Dabei geben sie Geld in Cafés, Hotels und Geschäften aus, das sind zusätzliche Einkünfte für die lokalen Budgets.
Zur Street-Art in den beiden Städten Jekaterinburg und Nischni Nowgorod gibt es in der russischsprachigen Wikipedia ausführliche Artikel, mit vielen interessanten Bildern, siehe hier und hier.
Street-Art wird in Russland, besonders seit Beginn des Ukraine-Krieges, allerdings auch intensiv zu Propaganda-Zwecken genutzt; in einem früheren Beitrag hatte ich über die „Helden an Häuserfassaden“ berichtet. Die Propaganda kommt natürlich nicht kleinformatig daher, mit diesen Bildern werden die Fassaden von Hochhäusern teils über viele Stockwerke hinweg bemalt.
Ein virtueller Gang durch die „Splitter“
Zum Schluss noch eine kleine Auswahl von Mini-Mosaiken, die mir besonders gefallen haben. Die meisten stellen Tiere, Früchte, lustige Alltagsgegenstände dar, einige bestehen auch aus Text, aus ein, zwei aufmunternden Wörtern, zum Beispiel „träume“, „gib nicht auf“, „Freiheit“, „Gutes“.




