RUSSLAND HISTORISCH
„Na, Alter, Zeit fürs Krematorium?“
So flapsig wird im Roman „Das goldene Kalb“ der nicht mehr ganz junge Portier der städtischen Behörde in der Kleinstadt Tschernomorsk von einem Angestellten begrüßt. Aber er nimmt es nicht übel, im Gegenteil:
„Ja, es ist schon Zeit“, antwortete der Portier und lächelte freudig. „Zeit für unsere sowjetische Urnenhalle.“
Er breitete die Arme aus. Sein gütiges Antlitz spiegelte die Bereitschaft, sich jetzt auf der Stelle der Feuerbestattung zu überantworten.
In Tschernomorsk sollte nämlich ein Krematorium nebst Urnenhalle, dem sogenannten Kolumbarium, gebaut werden, und diese Neuerung der Abteilung Friedhofswesen belustigte die Bürger aufs höchste. Vielleicht amüsierten sie sich über die neuen Wörter – Krematorium und Kolumbarium, vielleicht auch erheiterte sie die Vorstellung, dass man einen Menschen verbrennen könne wie ein Holzscheit, jedenfalls wurden die alten Männer und Frauen in der Straßenbahn und in den Straßen fortwährend angesprochen: „Na, Oma, wohin so eilig? Ins Krematorium?“ Oder: „Lasst den Opa durch, er muss ins Krematorium.“
1931 ist der satirische Roman von Ilja Ilf und Jewgeni Petrow erschienen, in dem diese Szene vorkommt, und die Anspielung aufs Krematorium hatte einen sehr konkreten Hintergrund.
„Katheder der Gottlosigkeit“
So nannten Vertreter der christlichen Kirchen die ersten Krematorien, die seit den 1870er Jahren in Italien, Deutschland und England gebaut wurden. Die Feuerbestattung betrachteten sie als heidnischen Brauch. In Russland waren bis zur Revolution Begräbnisse ausschließlich Sache der Russisch-Orthodoxen Kirche, die die Verbrennung und Urnenbestattung als Blasphemie ebenfalls strikt ablehnte. Und ohne Beteiligung der Kirche konnte man sich de facto nicht beerdigen lassen.
Als die Bolschewiki 1917 die Macht übernahmen, war es eins ihrer erklärten Ziele, die mächtige Kirche zurückzudrängen, ihren Einfluss in der Bevölkerung zunichte und den christlichen Glauben und alle damit verbundenen Bräuche und Riten als unzeitgemäßen Aberglauben lächerlich zu machen. Den Slogan vom „Katheder der Gottlosigkeit“ übernahmen sie als Propaganda-Losung in ihrem Sinne (russisch: „Крематорий – кафедра безбожия“); denn eine gottlose Gesellschaft, frei von religiösen Dogmen und Vorschriften, war ja ihr erklärtes Ziel.
Die 1920er Jahre waren eine Zeit besonders aggressiver antireligiöser Kampagnen. Einige Zeitschriften wie „Der Gottlose“ („Безбожник“), „Der Gottlose an der Werkbank“ („Безбожник у станка“), „Der Atheist“ („Атеист“) und „Revolution und Kirche“ („Революция и церковь“) waren auf Hass und Hetze gegen die Kirche spezialisiert. Ferner gab es einen einflussreichen Verein namens „Union der militanten Gottlosen“ („Союз воинствующих безбожников“) – die Mitgliedsausweise Nummer 1 bis 3 hatten sich Stalin, Molotow und Kalinin gesichert. Auf vielen Propaganda-Plakaten wurden kirchliche Riten und Feiertage verspottet und angegriffen („Nieder mit Ostern!“) und Vertreter der Kirche als geldgierige, gefräßige Widerlinge dargestellt.
Dies ist das Titelblatt der ersten Nummer des „Gottlosen“ vom Januar 1923, mit einer Karikatur des Zeichners Dmitri Moor und der Überschrift „Mit den irdischen Zaren haben wir aufgeräumt, jetzt nehmen wir uns die himmlischen vor“. Wie man erkennt, geht es nicht nur gegen das Christentum, sondern gegen alle Religionen.

Schon wenige Monate nach der Revolution und der Machtübernahme durch die Bolschewiki erschien 1918 ein Dekret „Über Friedhöfe und Bestattungen“, das die Registrierung der Todesfälle in die Hände der örtlichen Sowjets legte. Die traditionellen Formen der kirchlichen Beerdigung wurden nicht verboten, aber als anachronistisch, unhygienisch und platzraubend kritisiert. Stattdessen empfahl man die Einäscherung im Krematorium. Trotzki rief die führenden Bolschewiki auf, ein Beispiel zu geben und sich öffentlich im Voraus für die Kremation zu verpflichten.
Das alles geschah zu einem Zeitpunkt, als es in Russland noch gar kein Krematorium gab, wo man dies hätte durchführen können.
Das erste Krematorium wurde im Dezember 1920 in Petrograd auf der Wassiljewski-Insel eröffnet, auf einem Gelände, das zum Alexander-Newski-Kloster gehörte. Der Abt des Klosters flehte die neue Sowjetregierung noch an, einen anderen Platz zu finden und den heiligen Boden nicht zu entweihen – natürlich ohne Erfolg, denn diese Provokation war ja beabsichtigt.
Das teure Birkenholz, das als Brennmaterial diente, ersetzte man bald durch Abfälle, was zu durchdringendem Gestank führte. Schon im Februar 1921 wurde dieses Krematorium wieder geschlossen, wegen Mangels an Brennmaterial.
Erst sechs Jahre später, 1927, wurde in Moskau ein neues Krematorium eröffnet. Als Ort wählte man wieder kirchlichen Grund und Boden – das Territorium des berühmten, altehrwürdigen Donskoi-Klosters, begründet Ende des 16. Jahrhunderts. Dort gab (und gibt) es einen Friedhof mit vielen historischen Grabsteinen aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Auf diesem alten Friedhof war Ende des 19. Jahrhundert kein Platz mehr für weitere Gräber, und so entstand 1910 der Neue Donskoi-Friedhof, gleich hinter und an der imposanten Klostermauer aus rotem Backstein. In der Mitte wurde eine kleine Kirche errichtet, die 1914, noch vor der endgültigen Fertigstellung der Bauarbeiten, dem Heiligen Serafim von Sarow und der Heiligen Anna von Kaschin geweiht wurde.

Wie die Bildunterschrift auf dieser alten Ansichtskarte sagt, war es nicht nur eine Kirche, sondern auch eine Gruft oder Grabstätte („усыпальница“), das heißt, sie verfügte über ein Untergeschoss, eine Krypta für Sarkophage.
1918 konfiszierten die Bolschewiki das Donskoi-Kloster und das gesamte dazugehörige Gelände. Auf dem alten Teil richtete man ein antireligiöses Museum ein. So blieben das architektonische Ensemble und die religiösen Schätze zum großen Teil erhalten – wenn auch mit umgekehrten Vorzeichen – und wurden nicht wie viele andere Kirchen und Klöster geplündert und zerstört.
Die Kirche auf dem neuen Friedhof wählte man für den Umbau zum Krematorium aus. Diesmal ließ man sich, anders als 1920 in Petrograd, ausreichend Zeit für Planung und Bau. Ein Wettbewerb wurde ausgeschrieben, an dem u. a. Konstantin Melnikow teilnahm, der durch seine außergewöhnlichen konstruktivistischen Bauten weltberühmt gewordene Architekt. Er gewann aber nur den zweiten Preis. Den ersten und damit den Auftrag zur Umgestaltung bekam Dmitri Ossipow, auch ein Konstruktivist, der aber nicht so ein reiches künstlerisches Erbe wie Melnikow hinterlassen hat. Er starb bereits 1934 und wurde in „seinem“ Krematorium eingeäschert; die Urne mit seiner Asche und seine Büste befinden sich bis heute im inneren, überdachten Teil des Kolumbariums.
Eine Kirche wird Krematorium
Der Glockenturm über der Vierung wurde abgerissen und stattdessen ein viereckiges Betonteil mit stumpfem Ende aufgesetzt. Die Westseite mit dem Haupteingang wurde ebenfalls umgebaut und profanisiert.

Der typische Grundriss einer christlichen Kirche mit Hauptschiff, Nebenschiffen und Altarraum blieb erhalten, aber die einzelnen Teile erhielten nun völlig andere Funktionen. Auf diesem Plan ist detailliert eingezeichnet, wie die Kirche in ihrer neuen weltlichen Form als Krematorium genutzt wurde.

Im Altarraum befanden sich die Verbrennungsöfen (1). Die Särge mit den Toten wurden auf Schienen (2) hineingefahren, nachdem sie durch einen Lift (3) aus der ehemaligen Krypta nach oben transportiert worden waren. Hinter den Öfen, also in der Apsis der ehemaligen Kirche (12), lagerte man das Brennmaterial. In den Querhäusern und Seitenschiffen befanden sich Aufenthaltsräume für das Personal, eine Dusche, Toiletten, Werkstätten und ein Arztzimmer (5 – 9). Im Chorraum links (10) führte eine Treppe ins Untergeschoss. Links und rechts außen waren die Rauchabzüge angebracht (11).
Ofentechnik aus Erfurt
Die Öfen ließ man aus dem Ausland kommen, denn in Russland gab es noch keine entsprechende Tradition und daher auch keine Betriebe, die solche Öfen herstellten. Die deutsche Firma Topf & Söhne aus Erfurt versorgte die sowjetische Regierung mit der neuesten Ofentechnik für ihr Vorzeige-Krematorium – dieselbe Firma, die anderthalb Jahrzehnte später den Nazis die Verbrennungsöfen für Auschwitz und Buchenwald lieferte und traurige Berühmtheit als „Ofenbauer von Auschwitz“ erlangte.
Trotz aller Werbung und der zum Teil sehr aggressiven Agitation wurde die neue Form der Bestattung in der Bevölkerung nicht wirklich populär. 1929 machten die Einäscherungen 17,25 % der Gesamtbestattungen aus, und von diesen 17,25 % waren nur 5,8 % auf eigenen Wunsch verbrannt worden, die anderen waren unbekannte, nicht identifizierte Tote. Im Lauf der 1930er Jahre ging die Nachfrage nach Einäscherungen weiter zurück.
Trotzdem blieb das Krematorium nicht ohne Arbeit: Seit Mitte der 1930er Jahre wurden hier still und heimlich Tausende Opfer der stalinistischen „Säuberungen“ verbrannt und ihre Asche in anonymen Massengräbern verscharrt – beigesetzt kann man es ja kaum nennen. Der Regisseur Wsewolod Meyerhold war unter ihnen, der Schriftsteller Isaak Babel, der Journalist Michail Kolzow, der Marschall der Roten Armee Michail Tuchatschewski und viele, deren Namen man nicht mehr kennt.
In den 1990er Jahren wurden auf dem Gelände des Friedhofs zwei Gedenkstätten für diese unschuldig Ermordeten eingerichtet. Die Initiative dafür kam von der Menschenrechtsorganisation „Memorial“ (2021 in Russland verboten, 2026 als „extremistisch“ eingestuft).

Neben den Opfern: Der Henker
Auf demselben Gelände steht auch ein großer Grabstein aus glänzend poliertem schwarzen Granit mit zwei Porträts in der auf russischen Friedhöfen sehr beliebten Sandstrahltechnik (Fotos auf Stein übertragen). Abgebildet sind Wassili Blochin und seine Ehefrau. Blochin, NKWD-Offizier, Chef eines Erschießungskommandos, war einer der schlimmsten Henker des Stalinterrors, viele Hinrichtungen hat er persönlich vorgenommen. 1955 ist er gestorben, der teure Grabstein wurde aber erst Anfang der 2000er Jahre aufgestellt. Wer ihn in Auftrag gegeben und bezahlt hat, konnte ich nicht herausfinden. Einen offenen Protest von den Angehörigen und Nachkommen seiner Opfer gab es nicht; einmal schrieb jemand mit schwarzer Farbe auf die steinerne Einfassung der Grabstelle „палач“ („Henker“), was bald wieder entfernt wurde.
Vom Krematorium zurück zur Kirche
Nach dem Ende der Sowjetunion wurde das seit den 1970er Jahren ohnehin nur noch wenig genutzte Krematorium endgültig geschlossen. 1992 gab die Regierung das Kloster mit allen Gebäuden der Russisch-Orthodoxen Kirche zurück. 1998 war der erneute Umbau abgeschlossen, das Krematorium war nun wieder eine Kirche. Über dem Eingangstor ist ein Bild des Heiligen Serafim zu sehen, darunter stehen die Worte „Christus ist auferstanden!“ („Христос воскресе!“). Ein kleiner Glockenturm krönt den Eingang – der größere in der Mitte wurde nicht erneuert. Es finden nun wieder regelmäßig Gottesdienste statt.

Hier kann man sich eine Fotogalerie der Kirche ansehen, 36 Bilder von außen und innen. Die Innenausstattung ist neu, die alten Ikonen sind nicht erhalten, u. a. ist ein wertvoller dreiteiliger Ikonostas aus Keramik verloren gegangen, der in der Krypta gestanden hatte.
Abriss der Kolumbarien?
Nicht so gut wie mit der Kirche sieht es mit den Kolumbarien aus. Die freistehenden Urnenmauern aus Stein, in denen sich die Fächer für die Urnen befinden, sind inzwischen baufällig und einsturzgefährdet. Man hat sie an vielen Stellen mit Holzbalken abgestützt, aber trotzdem wurde das Betreten des Friedhofs so gefährlich, dass er für Besucher geschlossen werden musste.
Die individuell gestalteten Fächer sind sehr ungewöhnlich, nicht vergleichbar mit den einförmig genormten auf anderen Friedhöfen. Keins sieht aus wie das andere. Manche sind durch Metallschilder verschlossen, manche zugemauert mit in den Stein eingemeißelten Namen, mit Medaillons und Bildern der Verstorbenen geschmückt, wieder andere haben sogar holzgerahmte Glastüren, durch die man zum Teil noch die unterschiedlichen Urnen sieht. Die allermeisten Fächer befinden sich leider in einem beklagenswerten Zustand. An vielen kleben gedruckte Zettel mit der dringenden Bitte an die Besitzer oder Verwandten, sich umgehend bei der Friedhofsverwaltung zu melden. Aber es gibt längst keine Verwandten mehr, die sich kümmern könnten. In der Moskauer Lokalpresse wird seit Jahren regelmäßig darüber berichtet – man möchte diesen einmaligen historischen Friedhof gern erhalten. Doch es sieht ganz danach aus, dass er selbst mit viel Geld kaum zu retten ist.

Eine Hymne an das Krematorium
Einige besonders aufschlussreiche und typische Stellen aus einem zeitgenössischen Propaganda-Artikel für die Vorzüge der Feuerbestattung möchte ich noch wörtlich zitieren. Der Artikel erschien am 11. Dezember 1927 in der Zeitschrift „Ogonjok“, zwei Monate nach der Eröffnung des Moskauer Krematoriums am 6. Oktober 1927. Die Übersetzung ist wie immer, wenn nicht anders erwähnt, von mir, den russischen Originaltext findet man hier.
Eine Frau kommt aus dem Haupteingang, in den Händen eine kleine, verlötete Urne, darin anderthalb Kilo feiner weißer Knochen.
So sieht er also aus, der moderne Sarg. Ein Kasten aus Zink, darauf ein metallenes Schildchen – Vorname und Familienname des Toten, eine Nummer und ein Datum …
„Ich, die Unterzeichnete, bestätige mit meiner Unterschrift, dass ich gemäß Vorschrift … Die Urne mit der Asche des Verbrannten wird im Ersten Moskauer Krematorium in der Erde beigesetzt oder in einer öffentlichen Einrichtung aufgestellt …“
Eine solche Erklärung verlangt man von den Verwandten, denen man die Urne aushändigt. Zu Hause, in der Wohnung, darf man die Überreste des Eingeäscherten nicht aufbewahren. Grund dafür ist allein die beengte Wohnsituation in Moskau.
(Zur beengten oder damals euphemistisch „verdichtet“ genannten Wohnsituation in den Großstädten habe ich vor längerer Zeit einmal einen Beitrag geschrieben – das Thema war in den 1920er Jahren sehr virulent.)
Es folgt eine technisch detaillierte Beschreibung des Verbrennungsvorgangs, den die Angehörigen, wenn sie es denn wünschten, durch ein Guckauge beobachten konnten.
Die Riegel der eisernen Ofentüren schließen sich krachend. Nun kann man ganz nahe an den Ofen herantreten. Hinter den Kacheln herrscht eine Temperatur von 850 bis 1100 Grad.
Hier steht man direkt neben dem feurigen Element und spürt doch die Hitze fast gar nicht … Es gibt ein kleines Fenster aus Glimmer. Schauen wir hindurch. Langsam und gleichmäßig brennt der Leichnam. Der Sarg ist schon fast völlig verbrannt. (…) Bei Männern dauert es etwa zwanzig Minuten länger als bei Frauen.
6 Pud guter schwarzer Koks ergeben anderthalb Kilo feiner weißer Knochen …
Die Mechaniker regulieren das Feuer. Der Heizer schaufelt Koks nach. (…)
Die Verbrennungsöfen sind so konstruiert, dass der Prozess der Leichenverbrennung nicht im Feuer selbst vor sich geht, sondern im erhitzten Luftstrom. Die nicht brennenden Knochen fallen in eine besondere Vorrichtung, werden dann für einige Zeit in ein Kühlfach gelegt und anschließend in die Urne gegeben.
Für die Aufbewahrung der Urne in einer Nische des geschlossenen Kolumbariums erhebt das Krematorium eine einmalige Gebühr von 50 Rubel. Die Bestattung der Urne auf dem Friedhof ist kostenlos.
Nach diesen interessanten, aber eher nüchternen Informationen zitiert der Autor des Artikels Rabindranath Tagores „Gesang an das Feuer“ („O Feuer, mein Bruder, ich singe Sieg dir!“), und zum Schluss dichtet er noch selbst eine Art Hymne an das Krematorium:
Feuer, verzehrendes Feuer! Dir wurde diese Kathedrale der Gegenwart erbaut, dieser feurige Friedhof – das Krematorium.
Das Krematorium ist die klaffende Bresche in der chinesischen Mauer der Unwissenheit und des Aberglaubens, auf die die Popen aller Religionen spekulierten.
Das Krematorium bedeutet das Ende von unverweslichen Reliquien und sonstigen Wundern.
Das Krematorium bedeutet Hygiene und ein einfacheres Begräbnis, es bedeutet, man erobert die Erde von den Toten zurück für die Lebenden.
Es entstehen Fabriken und Betriebe. Machtvoll atmet die Erde unter der weißen Schneedecke.
Die Straßenbahnen sausen durch die Stadt. Durchs Museum des Donskoi-Klosters führt man Besucher. Die Fabrikschornsteine heulen …
Leben, aus voller Brust leben!
Und wenn wir sterben, dann soll man uns ins Krematorium bringen, damit sich überall statt der verseuchten Friedhofserde das vor Freude und jugendlicher Frische zitternde Leben verströme!
Nachhaltiger Erfolg war dieser Propaganda nicht beschieden. Die Nachfrage nach der gepriesenen Bestattungsform in der Bevölkerung war so spärlich, dass das Moskauer Krematorium jahrzehntelang das einzige seiner Art in der Sowjetunion blieb. Erst in den 1970er Jahren wurden mehrere neue gebaut. Das erste, inzwischen technisch veraltete, nutzte man nach 1972 nur noch in Ausnahmefällen. Die ganze Zeit über bis heute bevorzugten die Menschen die traditionelle Erdbestattung.
Laut aktuellen Statistiken (findet man zum Beispiel hier) werden in Russland etwa 15 % der Verstorbenen eingeäschert, alle übrigen beerdigt. Nur in Moskau und St. Petersburg ist das Verhältnis umgekehrt: 70 bis 75 %, Tendenz steigend, bevorzugen die Verbrennung und Urnenbestattung. Das liegt auch daran, dass es kaum noch freie Plätze auf den Friedhöfen gibt und die Preise für eine Grabstelle und ein Grabmal sehr hoch sind.
Zum Vergleich: In Deutschland wählen inzwischen gut 80 % eine Einäscherung, im Osten deutlich mehr als im Westen.
Und die Propagandisten selbst?
Von den drei führenden Bolschewiki Lenin, Stalin und Trotzki ist Leo Trotzki der einzige, der eingeäschert wurde – jedoch im Exil in Mexiko, in einem mexikanischen Krematorium. Die Urne mit seiner Asche befindet sich im Garten seines Wohnhauses in Coyoacán, einem Stadtteil von Mexico City. Ein Grabmal mit Hammer und Sichel erhebt sich über dieser Stelle.
Lenin wurde bekanntlich einbalsamiert und liegt bis heute in seinem Mausoleum auf dem Roten Platz – obwohl er selbst sich eine Erdbestattung neben seiner Mutter und seiner Schwester auf dem Petersburger Friedhof „Literatorskie Mostki“ gewünscht hatte. Das ist ein sehr stimmugsvoller Ort mit breiten Alleen und altem Baumbestand, Teil des Wolkowo-Friedhofs, wo viele berühmte Dichter, Künstler und Wissenschaftler liegen. Nadeschda Krupskaja, Lenins Witwe, war strikt gegen die Einbalsamierung und bemühte sich bis an ihr Lebensende (1939) vergeblich, den Wunsch ihres Mannes zu erfüllen. Sie konnte sich gegen Stalin nicht durchsetzen, der das Mausoleum und den toten Lenin als quasi-religiöse Symbole für die Sowjetmacht etablieren wollte.

Seit einigen Jahrzehnten gibt es Bestrebungen, Lenin endlich dort seine letzte Ruhe finden zu lassen und das Mausoleum einem anderen Zweck zuzuführen, und das von sehr einflussreichen und Putin nahestehenden Personen wie seinem Berater und früheren Kulturminister Wladimir Medinski und dem ultrapatriotischen Regisseur Nikita Michalkow.
Stalin hatte für seine Beisetzung keinerlei Verfügung hinterlassen und wurde zunächst ebenfalls einbalsamiert und neben Lenin aufgebahrt. Im Zuge der Entstalinisierung durch Chruschtschow wurde sein Leichnam 1961 in einer Nacht-und Nebel-Aktion aus dem Mausoleum entfernt und in einem Erdgrab an der Kremlmauer bestattet, auf dem Ehrenfriedhof für verdiente Staats- und Heerführer.
Anmerkungen und Links
Zum Thema Bestattungen und Krematorien in der Sowjetunion gibt es im russischsprachigen Internet viele Informationen und Artikel. Ich habe mich vor allem auf drei Aufsätze gestützt:
- Die Historikerin und Ethnologin Anna Sokolowa hat 2013 in der Zeitschrift „Otetschestwennye sapiski“ einen ausführlichen Beitrag zur Entwicklung der Begräbnisrituale in Sowjetrussland veröffentlicht, zu finden hier.
- Von Jewgenija Gigolajewa, ebenfalls Historikerin, stammt ein interessanter Aufsatz über die sowjetische Begräbnisindustrie in den 1920er Jahren, veröffentlicht 2019, hier abrufbar (mit englischsprachigem Abstract).
- Und schließlich noch hier ein Artikel mit dem Titel „Die Roten Begräbnisse. Die neuen Begräbniszeremonien im jungen Sowjetrussland“, erschienen 2021, verfasst von den Historikern Andrej Sawin und Aleksej Tepljakow, mit ausführlicher Bibliographie.
Der Abschnitt aus dem Roman „Das goldene Kalb“ am Anfang ist zitiert nach der Übersetzung von Thomas Reschke, erschienen 1979 im Verlag Volk und Welt.
Dmitri Moor (1883 – 1946) war einer der bekanntesten sowjetischen Plakatkünstler und Karikaturisten, seine Propagandaplakate haben eine ganze Epoche geprägt. Hier findet man eine kurze Biographie in englischer Sprache und eine Galerie seiner Werke aus den Jahren 1919 bis 1930.