RUSSLAND HEUTE
Mitte November erschien auf der Seite des TV-Senders „Zargrad“ im russischen Nachrichtenportal „dzen.ru“ ein Artikel, der dem Gründer und Besitzer des Senders Konstantin Malofejew so wichtig war, dass er ihn mehrere Wochen lang oben auf der Seite „angepinnt“, also dauerhaft vorn gehalten hat, statt ihn wie üblich hinter die neueren Beiträge rutschen zu lassen. Es geht darin um eine neue Generation von Politikern, die Söhne und Töchter der jetzigen Machthaber, die von ihren Eltern wichtige Posten im Staatsapparat „erben“, als seien solche Posten eine Art Familienbesitz, und um die angeblichen Vorzüge eines derartigen neuen „Erbadels“.

Die Überschrift lautet: „Die Kinder von Putin, Medwedew, Patruschew geben Anlass zum Nachdenken: Russlands Zukunft ist das Imperium“. Diese „Kinder“ (meist zwischen Mitte zwanzig und Mitte vierzig), so die These des Autors, bilden die neue staatstragende Schicht oder werden sie demnächst bilden, einen „Neo-Adel“ (russisch „нео-дворянство“), der Garant für die erfolgreiche Zukunft Russlands ist.
„Zargrad“ und Konstantin Malofejew
„Zargrad“ nennt sich ein 2015 von dem Oligarchen Konstantin Malofejew gegründeter russischer TV-Sender, ultranationalistisch, rassistisch und eng verbunden mit der Russisch-Orthodoxen Kirche (was Malofejew den Beinamen „orthodoxer Oligarch“ einbrachte).
Konstantin Malofejew (*1974) hat seine Milliarden mit einem Investmentfonds und als Teilhaber des Telekommunikationskonzerns „Rostelekom“ gemacht. Er nimmt seit vielen Jahren erheblichen politischen Einfluss in Russland, ist auch im westlichen Ausland sehr gut vernetzt und nimmt an vielen Konferenzen und Treffen teil oder veranstaltet diese selbst.
So fand zum Beispiel im Juni 2025 in Moskau ein „Forum der Zukunft 2050“ genanntes Treffen statt, organisiert von Malofejew und dem rechtsextremen Philosophen Alexander Dugin, wo es um Strategien für eine erfolgreiche Zukunft Russlands ging. Die einleitende Rede hielt Außenminister Sergej Lawrow, prominenter Ehrengast war Errol Musk, Vater von Elon.
Mitte September 2025 luden Malofejew und Dugin zum Gründungskongress einer „Internationalen Liga der Antiglobalisten“ nach St. Petersburg ein. Der Einladung folgten zahlreiche Vertreter rechtsextremer Parteien aus Frankreich, Italien, Mexiko und der Republik Südafrika. Aus Deutschland nahm laut Recherchen von Radio Svoboda der Hamburger AFD-Abgeordnete Robert Risch teil, außerdem seine ehemalige Parteikollegin Olga Petersen (inzwischen aus der AFD ausgeschlossen und im Juni 2024 nach Russland ausgewandert). Zu den Gästen gehörte auch Alexander von Bismarck, ein weitläufig mit dem Reichskanzler verwandter ehemaliger CDU-Politiker, der inzwischen mehr durch seine vielfältigen Russland-Connections von sich reden macht. Das Redaktionsnetzwerk Deutschland berichtete im März dieses Jahres ausführlich über ihn.

Malofejews TV-Sender ist in der EU blockiert, auch sein YouTube-Kanal ist seit 2020 gesperrt, aber auf dem Nachrichtenportal „dzen.ru“ und anderen Social-Media-Kanälen ist „Zargrad“ weiterhin erreichbar. Malofejew selbst hat bereits seit 2014 ein Einreiseverbot in die EU.
Im September 2024 machte er Schlagzeilen, als er überraschend Maria Lwowa-Belowa heiratete, Putins Kinderrechtsbeauftragte, gegen die ein Haftbefehl des Internationalen Gerichtshofes in Den Haag vorliegt, wegen Verschleppung ukrainischer Kinder. Die Hochzeit, aufwendig gefeiert in der luxuriösen Cottagesiedlung Deauville bei Moskau, erregte in Russland auch deshalb so viel Aufsehen, weil Lwowa-Belowa sich bis dahin immer als treue Ehefrau eines Priesters und aufopfernde Mutter von fünf eigenen und mehreren adoptierten Kindern inszeniert hatte.
Neo-Adlige
Zufall oder vielleicht auch nicht – fast zeitgleich zum Artikel bei „Zargrad“ veröffentlichte das exilrussische Investigativmedium „Projekt“ unter dem Titel „Väter und Großväter“ eine ebenso umfang- wie aufschlussreiche Recherche zur Verquickung von Macht und Familie in russischen Regierungskreisen, hier auf Russisch und hier auf Englisch zu lesen.
Was „Projekt“ als Vetternwirtschaft und Korruption einordnet, sehen Malofejew und sein „Zargrad“-Autor Iwan Prochorow ganz anders. Sie preisen diese Zustände als staatsbewahrend und vernünftig. Einige Zitate aus dem Artikel:
In Russland ist eine Generation von Menschen im Staatsdienst herangewachsen, deren Karriere über die Familienlinie verläuft. Sie sind innerhalb des Systems aufgewachsen und erben von ihren Eltern die Kultur der Administration und das Bewusstsein der Verantwortung gegenüber ihrem Land.
(…)
Es bildet sich so ein Stand von Menschen, für die der Staatsapparat die normale Arbeits- und Lebenssphäre ist. Als Patruschew vor 25 Jahren von „Neo-Adligen“ sprach, hatte er die Offiziere des KGB im Sinn, aber heute kann man diesen Begriff mit vollem Recht auf alle diejenigen anwenden, für die Macht, Familie und Arbeit in ein großes Ganzes zusammenfließen.
(…)
Diese traditionelle Struktur der Macht hat ihre offensichtlichen Vorteile. Die Beständigkeit der Kader macht den Kampf um Posten und Einfluss überflüssig. Wo die Politik auf Familienbeziehungen beruht, gibt es keinen Platz für Intrigen, Leaks, Zweckbündnisse und Verrat. Befreit von der Notwendigkeit zu intrigieren, können die Regierenden die Entwicklung des Landes für Jahre im Voraus planen, ohne befürchten zu müssen, dass clevere Emporkömmlinge die Macht ergreifen und alles wieder ummodeln.
Die „Neo-Adligen“ verhalten sich zum Land wie zu einem eigenen Erbe, das es zu bewahren und zu vermehren gilt. Sie führen die Wirtschaft behutsam, achten auf Ordnung und handeln im Bewusstsein einer dauerhaften Zukunft.
Es folgt dann eine recht überschaubare Liste solcher „Neo-Adliger“: Ilja, Sohn von Dmitri Medwedew, Pawel, Sohn des früheren Premierministers Michail Fradkow, Dmitri, Sohn des früheren FSB-Chefs Nikolai Patruschew, Denis, Sohn des jetzigen FSB-Chefs Alexander Bortnikow, Anna Ziwiljowa, eine Nichte Putins sowie Putins Töchter Maria und Katerina und noch ein halbes Dutzend weitere „Adlige“.
Erheblich mehr Namen und Informationen findet man in der Recherche von „Projekt“. Es gibt inzwischen ein riesiges verzweigtes Netz von nahen und entfernteren Verwandten, direkten und angeheirateten, sowie deren Freunden und Vertrauten. Mit großem Vorsprung, weit vor Putin, führt hier übrigens Ramsan Kadyrow, Präsident von Tschetschenien, der fast alle seine Verwandten auf einträglichen Staatsposten untergebracht hat – im Volksmund heißt seine Republik deshalb auch Kadyristan.

Neo-Imperialismus
Die geeignete Staatsform für den neuen Adel kann natürlich nicht die Demokratie sein, sondern nur ein mächtiges, autokratisch regiertes Imperium. Von Imperien ist Malofejew regelrecht besessen. Er hat drei dicke Bücher (insgesamt rund 1500 Seiten) über die Geschichte der großen Imperien geschrieben.

Erschienen sind die Bücher 2021 und 2022 im Moskauer Verlag AST, der sie mit diesen Worten bewirbt:
Vor dem Leser entfaltet sich ein grandioses historisches Panorama – Assyrien und Babylon, Griechenland und Persien, Rom und Karthago, bis in unsere Zeit. (…) Eine packende Schilderung der Weltgeschichte vom tiefen Altertum bis zu den Ereignissen der Spezialoperation in der Ukraine. In Jahrtausenden wächst unter der Sonne das lichtbringende Imperium, ähnlich in allen seinen Erscheinungen von Hammurabi und Caesar bis zu Alexander III. und Putin.
Malofejew selbst schreibt im Vorwort zum 2022 erschienenen letzten Band:
Der dritte Band mit dem Titel „Imperium. Gegenwart und Zukunft“ war eigentlich erst für später geplant, damit die Leser Zeit genug für die Lektüre der beiden ersten Bände hätten. Aber die Realität und der Lauf der Geschichte haben das Buch eingeholt – die Zukunft des Imperiums hat schon am 21. Februar 2022 begonnen. An diesem Tag fasste das Oberhaupt des Russischen Staates einen historischen Entschluss: mit dem uns feindlich gesinnten Westen zu brechen. (…)
Unsere Zukunft hat begonnen. Eine Zukunft, für die wir uns vor unseren Vorfahren nicht schämen müssen und für die uns unsere Nachkommen danken werden. In unserem Buch haben wir das beschrieben. Gott der Herr hat uns Gnade erwiesen – diese Zeit ist jetzt schon angebrochen. Das Ewige Imperium ersteht vor unseren Augen und in unseren Herzen.

Bei „Zargrad“ gab es einige Ausschnitte aus den Büchern zu lesen, die man nur als verstörend bezeichnen kann. Vieles wirkt wie aus einem Fantasy-Roman, und vielleicht wäre Malofejew in diesem Genre auch besser aufgehoben als bei den Historikern. Es ist die Rede vom Kampf zwischen dem guten russischen Imperium und einer bösen Macht namens Kanaan, womit wahlweise der kollektive Westen, globale Finanzzentren oder das moralisch verkommene Internet (das „globale Sodom“) oder alles zusammen gemeint ist. Ein Zitat aus dem dritten Band „Gegenwart und Zukunft“:
Durch den Willen Wladimir Putins, der als wahrer Imperator den Kampf gegen Kanaan aufgenommen hat, ist Russland aus dem von Oligarchen konstruierten globalistischen Modell herausgetreten. Und das hat das Land augenblicklich unverwundbar gemacht. Kanaan kann unser Land von innen erschüttern, mit Hilfe von Finanzmanipulationen und ideologischer Zersetzung, aber es ist nicht imstande, es auf dem Schlachtfeld zu besiegen. Was Karthago im Kampf mit Rom vor mehr als zweitausend Jahren nicht gelang, wird dem Neuen Karthago jetzt im Kampf mit dem Dritten Rom erst recht nicht gelingen.
Leserkommentare
Die hochtrabenden Worte verfangen allerdings bei der eigenen Bevölkerung nicht, die bodenständiger und realistischer ist als Malofejew und „Zargrad“ mit seinen Adligen und Imperien. Unter dem Artikel gab es die Möglichkeit, zu kommentieren und miteinander zu diskutieren. Vielleicht wollte man die Reaktion testen – das Echo und das Interesse waren jedenfalls groß (rund 3700 Kommentare in zwei Tagen, manche sind inzwischen wieder gelöscht), aber ausschließlich negativ, teils in äußerst scharfen Formulierungen. Hier eine Auswahl.
Das nennt sich einfach Vetternwirtschaft, Filz und Korruption, Blockade sozialen Aufstiegs, Kastensystem. Das alles ist absolut gegen die Verfassung und das Gesetz und selbstverständlich absolut konkurrenzunfähig unter den Bedingungen des technologischen Wettrennens im 21. Jahrhundert. Und wer gesetzwidrig das Land zurück ins 19. Jahrhundert schicken will, ist ein Staatsverbrecher und Staatsterrorist, der das Fundament der Staatlichkeit untergräbt und den Staat zerstört.
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Peter der Große vergab Titel und Ämter nach Leistung, nicht nach Verwandtschaft – und so wurde Russland mächtig.
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Aus dem Land macht man ein Imperium, aus dem Volk unterwürfige Sklaven.
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Die Russische Föderation wurde von Verbrechern für Verbrecher gegründet und unterscheidet sich vom faschistischen Deutschland nur dadurch, dass das faschistische Deutschland die Bedingungen für die vollständige oder teilweise Vernichtung von Menschen an die ethnische Zugehörigkeit knüpfte. Die Russische Föderation schuf die Bedingungen für die vollständige oder teilweise Vernichtung von Menschen nach ihrer sozialen Zugehörigkeit.
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Die kreativsten und fähigsten Leute gibt es nur in den Familien der Machthaber? Blödsinn! Sie besetzen nominal die Ämter und teilen sich die Dividenden der Körperschaften, Konzerne und Gesellschaften mit völliger oder teilweiser staatlicher Finanzierung, aber es sind andere Leute (die wirklich fähigen), die arbeiten und die Dinge voranbringen und dafür bezahlt werden. Zudem verfügen die Kinder der machthabenden „Elite“ über „Reservelandeplätze“ und „goldene Fallschirme“ im Ausland, üblicherweise in Ländern der NATO. Der Artikel ist von oben bestellt und soll die Köpfe der „aristokratischen“ Sprösslinge mit einem Heiligenschein schmücken und den Autoren ihren Teil der Dividende bescheren.
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Unfug. Was für Monarchen, wenn die Kinder und das Vermögen im Ausland sind. Die sind alle Komplizen des Westens.
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Wann wird die Krönung im Fernsehen übertragen?
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Das ist kein Imperium. Das ist MAFIA!!! Ein geschlossener Club.
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Und uns sagt man, dass die Wahlen eine Bedeutung hätten und etwas entscheiden.
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Den Staat betrachten sie als ihr persönliches Erbteil, als ihre Geldbörse, die sie auffüllen und an ihre Kinder weitergeben wollen, aber an das Land selbst und die Menschen, die es bewohnen, denken sie überhaupt nicht. Man hört auch nie etwas davon, dass diese erwachsenen Bälger eine Waffe in die Hand nehmen und in den Krieg ziehen würden!
Dass die Kinder der Reichen sich vor dem Wehrdienst drücken, ist ein oft erhobener Vorwurf:
Früher haben die Fürsten und die Adligen verpflichtend beim Militär gedient, aber diese Nachkommen werden niemals für ihr Vaterland kämpfen.
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Im Unterschied zur heutigen Elite haben die Kinder der sowjetischen Führer aktiv am Großen Vaterländischen Krieg teilgenommen. Leonid Chruschtschow ist 1943 im Luftkrieg umgekommen. Die drei Söhne von Anastas Mikojan waren alle Piloten, einer wurde abgeschossen, zwei kehrten schwerverwundet zurück. Lew Bulganin kämpfte ab Dezember 1941 am Himmel, er überlebte. Artjom, Stalins Adoptivsohn, wurde gefangengenommen, floh, kämpfte bei den Partisanen und wurde viele Male verwundet, später wurde er General.
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Die aufgezählten Individuen werden sehnlichst von den Sturmabteilungen der Russischen Armee erwartet, mit einem Vertrag für ein Jahr im Voraus. (…) Elite?! Was soll das für eine Elite sein, das sind Eiterpickel, wie schade, dass Jewgeni Wiktorowitsch [Prigoschin] nicht bis Moskau gekommen ist (ruhe er in Frieden), wie schade …
Das ist nicht der einzige Kommentar, der an Prigoschins Marsch auf Moskau im Sommer 2023 erinnert:
Wir werden ja sehen, was passiert, wenn die Verteidiger Russlands von der Front zurückkehren. Denkt an den Marsch Prigoschins und wie sich diese ganze „Elite“ in die Hosen gemacht hat und nichts wie weg ins Ausland wollte …
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Zu gern würde ich sehen, wie viele von diesen adligen Patrioten im Land bleiben, wenn etwas durch höhere Gewalt passiert, von der Art wie Prigoschins Marsch auf Moskau.
Vielleicht – hoffentlich – behält ja dieser Leser Recht:
Es ist ein historischer Fakt: Kein Imperium ist von langer Dauer, am wenigsten in Russland. Und wie man weiß, entwickelt Geschichte sich in Spiralen!