RUSSLAND HEUTE
Ende September 2022 wurden im Kreml in einem feierlichen Akt die annektierten Gebiete der Ukraine offiziell der Russischen Föderation angegliedert. Aus diesem Anlass hielt Putin eine lange und in Teilen verstörende Rede, die viel über sein Weltbild verriet. Unter anderem sprach er über einen angeblich im Westen grassierenden „Satanismus“:
Die Diktatur der westlichen Eliten richtet sich gegen alle Gesellschaften, darunter auch gegen die Völker der westlichen Länder selbst. Es ist eine Kampfansage an alle. Eine so völlige Ablehnung des Menschen, Vernichtung des Glaubens und der traditionellen Werte und Unterdrückung der Freiheit nimmt die Züge einer auf den Kopf gestellten Religion an – eines offenen Satanismus. In der Bergpredigt sagt Jesus, als er die falschen Propheten entlarvt: An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Und diese vergifteten Früchte sind mittlerweile für alle sichtbar – nicht nur in unserem Land, in allen Ländern, auch für viele Menschen im Westen selbst.
Den „Satanismus“ hat Putin wahrscheinlich bei seinem Lieblingsphilosophen Iwan Iljin (1883 – 1954) entlehnt, den er immer wieder als wahren Patrioten zitiert, auch am Schluss dieser Rede. Iljin, der seit 1922 im westeuropäischen Exil lebte, veröffentlichte 1948 einen Artikel „Zur Geschichte des Teufels“. Er endet mit den Worten:
Satanische Menschen erkennt man an den Augen, am Lächeln, an der Stimme, an ihren Worten und Taten. Wir Russen haben sie wahrhaft und leibhaftig gesehen; wir wissen, wer sie sind und woher sie kommen. Aber die Ausländer begreifen dieses Phänomen bis heute nicht und wollen es nicht verstehen, weil es ihnen Urteil und Gericht bedeutet.
Verbot einer nicht existenten Organisation
Knapp drei Jahre nach Putins Rede, im Juli 2025, wurde vom Obersten Gerichtshof der Russischen Föderation die „Internationale Bewegung des Satanismus“ als „extremistische Vereinigung“ eingestuft, der jegliche Aktivitäten in Russland untersagt sind und die vom Justizministerium auf die Liste verbotener Vereine gesetzt wurde.
Allerdings: Es existiert gar keine Organisation mit diesem Namen (genauso wenig wie eine „Internationale LGBT-Bewegung“). Allenfalls gibt es verschiedene Gruppierugen, aber ohne einheitliches Zentrum oder gemeinsame Strukturen.
Die Sitzung, auf der das Gesetz beschlossen wurde, war geheim. Der Gesetzestext wurde nicht, wie üblich und vorgeschrieben, veröffentlicht.
Ein „Runder Tisch“ gegen Satanismus
Zwei Monate vorher gab es einen öffentlich auf der Website der Duma übertragenen „Runden Tisch“, einen prominent besetzten Diskussionskreis, der dieses Gesetzesvorhaben im Auftrag der Regierung vorbereiten sollte und die wichtigsten Aspekte und Gründe erörterte.
Dieses Video ist inzwischen auch nicht mehr abrufbar, aber die Diskussionsbeiträge wurden in mehreren russischen Medien (u. a. hier, hier und hier) teils wörtlich wiedergegeben. Von einer echten Diskussion kann allerdings keine Rede sein,da man sich weitgehend einig war. Die Äußerungen sind trotzdem interessant, da sie viel über das politische Klima im heutigen Russland aussagen. Ich zitiere einige Abschnitte daraus.
Zuerst ergriff Nikolai Burljajew (*1946) das Wort. Er ist Schauspieler, Regisseur und Politiker, Mitglied der Partei „Gerechtes Russland – Für die Wahrheit“, seit vielen Jahren ein erzkonservativer Vorkämpfer für Putins „traditionelle Werte“.

Nikolai Burljajew unterstrich in seiner einleitenden Rede: „Der russische Präsident hat sich klar dazu geäußert, wogegen Russland jetzt kämpft: gegen den weltweiten Satanismus. Und der Gesetzgeber darf diese bedeutsame Erklärung nicht übergehen – wir müssen handeln.“ Nach den Worten des Parlamentariers hat die nachhaltige Verwurzelung verschiedener Formen des Satanismus – Anbetung des Teufels, okkulte und magische Dienstleistungen, zahlreiche Sekten – zu einer massenhaften Deformierung des Bewusstseins und zu einer Stärkung okkult-nazistischer und neuheidnischer Gruppierungen geführt.
„In ganz Russland finden heute in Konzertsälen und Bars satanische Orgien statt, bei denen Zyniker, Showleute und rückgratlose Vertreter der Macht offen das Christentum und den Islam verhöhnen. Das alles führt zum Zerfall der traditionellen geistig-sittlichen Grundlagen.“
Andrej Kartapolow (*1963) saß ebenfalls mit am runden Tisch, er ist ein hoher Militär und gehört der Putin-Partei „Einiges Russland“ an. Von 2018 bis 2021 war er stellvertretender Verteidigungsminister der Russischen Föderation. Er zog eine Parallele zum Verbot der LGBT-Bewegung, sagte aber,
dass der Satanismus noch weitaus schlimmer sei, weil er zersetzender, aggressiver, menschenfeindlicher sei. Er sei überzeugt, dass diese Bewegung zum Informations- und ideologischen Kampf gehöre, der vom vereinten Westen gegen unser Land geführt werde.
Natürlich war auch ein Vertreter der Russisch-Orthodoxen Kirche dabei – schließlich war es Patriarch Kirill, der ein solches Gesetz mehrfach nachdrücklich angemahnt hatte. Bischof Pitirim (*1967) von Skopin und Schazk, einer Diözese im Gebiet Rjasan, zeigte sich überzeugt, dass Siege im spirituellen Bereich auch den Sieg in der Spezialoperation bringen würden:
„Gleich nachdem man dieses Gesetz [das Verbot der LGBT-Bewegung] beschlossen hat, begannen bei uns die Siege. Und jetzt ist ein Gesetz gegen alle diese Übersinnlichen, Magier, gegen diesen ganzen Okkultismus, gegen alle diese Teufeleien, unbedingt erforderlich. Dieses Gesetz muss äußerst sorgfältig ausgearbeitet werden, und dann werden wir in sehr, sehr naher Zukunft siegen“, sagte er und fügte hinzu, dass sich allein im Jahr 2024 die Zahl der Magier, Hellseher, Tarotkartenleger, Numerologen, Hexen und anderer Satanisten verdreifacht habe.

Ein eher unerwarteter Teilnehmer dieser Runde war Apti Alaudinow (*1973). Er ist der Kommandant der in der Ukraine kämpfenden tschetschenischen Spezialeinheit „Achmat“ (benannt nach Ramsan Kadyrows Vater), war von 2011 bis 2021 stellvertretender Innenminister der Republik Tschetschenien und in den letzten Jahren in staatlichen und sozialen Medien sehr präsent. Von manchen politischen Beobachtern wird er schon als Nachfolger Kadyrows gehandelt.

Gegenwärtig ist er im russischen Verteidigungsministerium für „militärpolitische Propaganda und Agitation“ zuständig. Als Experte für Satanismus ist er bisher nicht hervorgetreten (konnte die Satanisten aber trotzdem exakt verorten).
Apti Alaudinow rechnete den Block der NATO zu den Satanisten, die meisten europäischen Länder, die USA. Um die Spezialoperation siegreich zu beenden, müsse man, sagte er, „alle diese Tentakel, die sich schon lange in Russland festgesaugt haben“, verscheuchen.
Anna Schafran (*1982) war die jüngste Teilnehmerin am „Runden Tisch“ und die radikalste. Sie ist Journalistin und TV-Moderatorin; von 2010 bis 2020 führte sie zusammen mit Wladimir Solowjow durch ein beliebtes Morgenmagazin. Seit 2019 hat sie beim orthodoxen TV-Sender „Spas“ („Heiland“) ihre eigene Sendung zu verschiedenen gesellschaftspolitischen Themen. Sie wendet sich u. a. immer wieder vehement gegen die in Russland beliebten Halloween-Feiern.

Die TV-Moderatorin Anna Schafran erklärte, der Satanismus sei eine Art „Ansaugtrichter“ für LGBT und Pädophilie. „Für die Eingeweihten sind das Dinge, die eng zusammenhängen: Satanismus, Homosexualität und Pädophilie. Weshalb? Weil der Dienst an diesem Kult die Perversion aller Normen, aller Begriffe von Sittlichkeit und Moral voraussetzt, davon, was gut und was böse ist.“
Sie betonte, man müsse den Zugang zu den Werken solcher „Individuen“ beschränken, die für ihre Nähe zu okkulten Wissenschaften oder zum Satanismus bekannt seien. Ausdrücklich nannte sie Charles Baudelaire, der ein Satanist und der Begründer der Dekadenz gewesen sei, und Konstantin Balmont, der „nicht nur sein lyrisches Ich in den Sündenfall stürzte, sondern der auch selbst allen möglichen Perversionen frönte“.
„Ich glaube nicht, dass dies Personen sind, um die wir uns große Sorgen machen sollten, weil der Zugang zu ihren Werken blockiert wird. (…) Die russische Zivilisation beruht auf der Orthodoxie, hier kann es keine anderen Meinungen geben.“
Schwarze und weiße Magie
Diese Aussagen zusammen mit einem Gesetz, dessen genauer Inhalt überhaupt nicht bekannt war, lösten in der russischen Bevölkerung jede Menge Unruhe und Verwirrung aus. Allgemein ist man in Russland sehr empfänglich für Übersinnliches und Esoterik. Wahrsagerinnen, Heiler, Astrologen stehen hoch im Kurs und sind oft zu Gast im staatlichen Radio und Fernsehen. Die 2015 verstorbene Dschuna, die angeblich durch Handauflegen heilen konnte, war jahrzehntelang ein Medienstar; sie wurde von Breschnew konsultiert und von Jelzin mit einem Orden ausgezeichnet. Und im russischen Fernsehen läuft schon seit 2007 (gerade hat die 25. Staffel begonnen) eine überaus beliebte Show namens „Schlacht der Übersinnlichen“ („Битва экстрасенсов“). Darin messen sich allerlei selbsternannte Magier, Hexen, Hellseher und andere übersinnlich Begabte in ihren Künsten, bis hin zur Lösung ungeklärter Kriminalfälle.

(Screenshot von der Website des TV-Senders TNT)
Nicht nur die Anhänger von Esoterik und die Kunden von Wahrsagern und Tarotkartenlegern, auch die große russische Gothic-Szene und die Heavy-Metal-Fans machten sich Sorgen – dort ist „satanische“ und okkulte Symbolik gang und gäbe. Und wenn Baudelaire und Balmont verboten werden sollten, könnte es dann auch Gogol, Bulgakow oder sogar Goethe treffen? Schließlich treiben auch in ihren Werken allerlei Teufel ihr Unwesen.
Um die Leute wieder zu beruhigen, erschienen bald darauf abwiegelnde und beschwichtigende Artikel und Interviews, in denen zwischen guter Esoterik und bösem Satanismus, zwischen „weißer“ und „schwarzer“ Magie unterschieden wurde. Einige Zitate:
- Echte Esoterik ist der Weg zum Licht, zum Wissen, zur Selbstentwicklung. Sie hat nichts mit Satanismus zu tun, deshalb muss sie auch nicht verboten werden.
- Beliebte Shows wie den „Kampf der Übersinnlichen“ zu verbieten ist sinnlos, denn sie erfreuen sich großer Nachfrage, und deshalb würde rasch eine Alternative auftauchen.
- Das Verbot wird keine Werke der Kunst betreffen, solange nicht bewiesen ist, dass sie der Gesellschaft schaden könnten.
- Jetzt ist es besonders wichtig, die Wahrheitssucher von denen zu unterscheiden, die Zerstörung wollen. Das Verbot kommt zur rechten Zeit.
- Runologen, Tarologen, Genealogen, Astrologen, Numerologen, die keine satanischen Attribute und keine Elemente satanischer Kultpraktiken benutzen, fallen vorläufig nicht unter die antiextremistische Gesetzgebung.
Was man an Halloween noch darf und was verboten ist, fasste die „Parlamentskaja Gaseta“ kurz und griffig zusammen: „Kürbisse sind okay, Pentagramme nicht“.

Juristische Einordnung
Wie schon erwähnt, wurde der vollständige Text des Gesetzes nicht veröffentlicht (gibt es einen solchen überhaupt?), die wenigen konkreten Infos dazu muss man sich in mühsamer Kleinarbeit zusammensuchen.
Auf der Seite „Religion and Law“ der Moskauer Hochschule für Wirtschaft (HSE University, eine der Top-Unis in Russland) habe ich einen sachlichen und ausgewogenen Artikel zu dem Gesetz gefunden. Darin werden die wichtigsten Aspekte erläutert und die rechtlichen Probleme nicht verschwiegen. Der Artikel erschien am 25. Juli 2025 auf der Homepage der Hochschule.
Hier einige Auszüge daraus (Hervorhebungen von mir).
Die Sitzung des Obersten Gerichtshofes war nicht öffentlich, und der Teil des Beschlusses, in dem es um die Begründung ging, wurde nicht bekannt gemacht. Aus den Materialien der Informationsagenturen und aus den öffentlichen Verlautbarungen von Amtspersonen und Vertretern der Russisch-Orthodoxen Kirche geht aber hervor, dass das Verbot der „Internationalen Bewegung des Satanismus“ sich auf die Verteidigung der öffentlichen Sicherheit und der traditionellen geistig-moralischen Werte Russlands orientiert. Patriarch Kirill rief schon im Januar 2025 (…) zu diesem Schritt auf und betonte, dass die satanischen Sekten ungehindert Jugendliche anwerben, ihre Riten zelebrieren und die Werte, für die die russischen Soldaten in der Spezialoperation kämpfen, mit Füßen treten. Erwähnt werden müsse auch die Nähe der Bewegung zu radikalem Nationalismus, ihre Aufrufe zur Zerstörung von Kirchen und zu Ritualmorden, ihre Nähe zu ukrainischen nationalistischen Bataillonen und westlichen Geheimdiensten.
(…)
Die Organisation von Aktivitäten und die Beteiligung an der als extremistisch eingestuften und verbotenen Bewegung zieht die strafrechtliche Verfolgung gemäß §282.2 des Strafgesetzbuches der Russischen Föderation nach sich. Strafbewehrt sind sowohl öffentliche Aufrufe zu extremistischer Tätigkeit (§280 StGB RF), ihre Finanzierung (§282.3 StGB RF), wiederholte Propaganda oder öffentliches Zurschaustellen extremistischer Attribute oder Symbole (§282.4 StGB RF). Die Sanktionen dieser Paragraphen sind äußerst hart und sehen sowohl hohe Geldbußen wie auch langfristige Freiheitsstrafen vor.
Die Verfasser des Artikels sind ehrlich genug, auf die Unstimmigkeiten des neuen Gesetzes hinzuweisen:
Die Risiken, die ein solcher Beschluss mit sich bringt, darf man nicht außer Acht lassen. An erster Stelle steht das Risiko der rechtlichen Ungenauigkeit. (…) Der Terminus „Satanismus“ ist juristisch nicht definiert, und der Umgang damit kann in beträchtlichem Maß von religiösen Dogmen und von der subjektiven Einschätzung der Rechtsanwender abhängen.
Außerdem ist auch der Fakt problematisch, dass eine „Internationale Bewegung des Satanismus“ als einheitliche Struktur nicht existiert. Der Satanismus stellt ein nicht koordiniertes Konglomerat von Gruppen dar (LaVey-Satanismus, Luziferianismus u. a.), die oft miteinander in Konflikt stehen und kein einheitliches Zentrum und keine gemeinsame Führung haben.
In der Praxis kann dieser Subjektivismus im Verständnis der satanistischen Bewegung eine nicht gerechtfertigte Zensur in sozialen Medien zur Folge haben (Blockierung von Erörterungen der Philosophie des Nihilismus u. ä.), eine übermäßige Selbstzensur in Kunst und Medien und auch eine Zunahme von Fällen willkürlicher Rechtsanwendung, die das Vertrauen in die Rechtsprechung und die Regierung insgesamt untergraben.
Sehr viel knapper und ziemlich entlarvend ist folgende Einschätzung des Juristen und Religionswissenschaftlers Igor Iwanischko, der für die Rechtsabteilung der Russisch-Orthodoxen Kirche arbeitet:
Der Gesetzgeber gibt absichtlich keine genaue Definition des Satanismus, um den Experten und Strafverfolgungsbehörden nicht die Hände zu binden. So war es auch im Fall der LGBT-Bewegung.
Das ist nichts weniger als ein offenes Eingeständnis, dass es sich hier um einen Gummiparagraphen handelt, der nach Gutdünken ausgelegt und angewendet werden kann und sich bestens eignet, unliebsame Personen, denen man sonst nichts anhängen kann, mundtot zu machen.
Immerhin sind bis Jahresende 2025 erst sehr wenige Urteile nach dem neuen Gesetz gefällt worden, alle mit eher geringen Geldstrafen. Es ging dabei zum Beispiel um die Veröffentlichung der verbotenen Symbole in sozialen Medien, um das Tragen von T-Shirts mit aufgedrucktem Pentagramm oder um den Verkauf von selbstgefertigten Kerzenständern mit okkulten Symbolen für Schwarze Messen.
„Nicht mehr auf Lager“
Am schnellsten hat der Handel auf das neue Gesetz reagiert – die großen russischen Internethändler Wildberries und Ozon haben Ringe und Anhänger mit satanischen Symbolen wie dem umgedrehten Pentagramm, dem umgedrehten Kreuz und der Darstellung des Dämons Baphomet (ein Teufelswesen mit dem Kopf und den Hörnern eines Ziegenbocks) aus ihrem Angebot entfernt. Bei Ozon hat man das auf dem Kopf stehende Kreuz, wenn es keine weitere anstößige Symbolik zeigt, jetzt einfach als „Petruskreuz“ (Petrus wurde mit dem Kopf nach unten gekreuzigt) bezeichnet und verkauft es unter diesem Label weiter.

(Screenshots von der Website des Internethändlers Ozon)