RUSSLAND LITERARISCH
1828 schrieb Wjasemski (1792 – 1878) dieses grimmige Gedicht auf die Zustände im zaristischen Russland. Er war damals 36 Jahre alt, im Staatsdienst tätig, einziger Sohn und Erbe von Andrej Wjasemski, einem reichen Gutsbesitzer und Generalgouverneur von Nischni Nowgorod und Pensa. Die Wjasemskis gehörten zu den ältesten und angesehensten Adelsfamilien Russlands; ihren prächtigen Landsitz Ostafjewo in der Nähe von Moskau kann man heute als Museum besichtigen.

Das Gedicht entstand während einer Reise von Pensa nach Moskau, einer beschwerlichen und ungemütlichen Kutschfahrt, die Wjasemskis Unzufriedenheit mit den Missständen in seiner Heimat noch zusätzlich verstärkte. Er fügte die Verse einem Brief an seinen Freund, den Historiker und Publizisten Alexander Turgenjew, bei. „Zermartert und wütend“ („измученный и сердитый“) fühle er sich, schrieb er dazu.
Hier das russische Original des Gedichtes und anschließend meine möglichst wortgetreue Prosaübersetzung.
РУССКИЙ БОГ
Нужно ль вам истолкованье,
Что такое русский бог?
Вот его вам начертанье,
Сколько я заметить мог.Бог метелей, бог ухабов,
Бог мучительных дорог,
Станций — тараканьих штабов,
Вот он, вот он, русский бог.Бог голодных, бог холодных,
Нищих вдоль и поперек,
Бог имений недоходных,
Вот он, вот он, русский бог.Бог грудей и жоп отвислых,
Бог лаптей и пухлых ног,
Горьких лиц и сливок кислых,
Вот он, вот он, русский бог.Бог наливок, бог рассолов,
Душ, представленных в залог,
Бригадирш обоих полов,
Вот он, вот он, русский бог.Бог всех с анненской на шеях,
Бог дворовых без сапог,
Бог в санях при двух лакеях,
Вот он, вот он, русский бог.К глупым полон благодати,
К умным беспощадно строг,
Бог всего, что есть некстати,
Вот он, вот он, русский бог.Бог всего, что из границы,
Не к лицу, не под итог,
Бог по ужине горчицы,
Вот он, вот он, русский бог.Бог бродяжных иноземцев,
К нам зашедших за порог,
Бог в особенности немцев,
Вот он, вот он, русский бог.DER RUSSISCHE GOTT
Braucht ihr eine Erklärung,
was das ist – der russische Gott?
Hier habt ihr ein Bild von ihm,
so gut ich es zu erkennen vermochte.Der Gott der Schneestürme und der Schlaglöcher,
der Gott der peinvollen Straßen,
der Poststationen – kommandiert von Schaben,
da habt ihr ihn, den russischen Gott.Der Gott der Hungernden und der Frierenden,
der Bettler allerseits kreuz und quer,
der Gott der unrentablen Landgüter,
da habt ihr ihn, den russischen Gott.Der Gott der Hängebusen und der schlaffen Ärsche,
der Gott der Bastschuhe und gedunsenen Beine,
der bittren Mienen und des sauren Rahms,
da habt ihr ihn, den russischen Gott.Der Gott von Obstschnaps und von Gurkenlake,
von Seelen, als Unterpfand beliehen,
von Brigadiersfrauen beiderlei Geschlechts,
da habt ihr ihn, den russischen Gott.Der Gott aller mit dem Annenbändchen am Halse,
der Gott der Knechte ohne Stiefel,
der Gott im Schlitten mit zwei Lakaien,
da habt ihr ihn, den russischen Gott.Zu den Dummen überaus gnädig,
zu den Klugen gnadenlos streng,
der Gott von allem, was fehl am Platz ist,
da habt ihr ihn, den russischen Gott.Der Gott von allem, was aus dem Ausland kommt,
was nicht zu uns passt, was uns nichts bringt,
der Gott von Senf zum Abendessen,
da habt ihr ihn, den russischen Gott.Der Gott der fremdländischen Herumtreiber,
die über unsere Schwelle gekommen sind,
der Gott insbesondere der Deutschen,
da habt ihr ihn, den russischen Gott.
Anmerkungen:
- Die „verpfändeten“ Seelen in der fünften Strophe sind Leibeigene, die von ihrer Herrschaft als lebendige Pfänder eingesetzt (beliehen) wurden, um einen drohenden Bankrott abzuwehren; vgl. Gogols „Tote Seelen“, wo bereits verstorbene, aber noch nicht als tot registrierte Leibeigene den Wert eines Gutes steigern sollen.
- Mit den „Brigadiersfrauen“ spielt Wjasemski auf die damals beliebte Komödie „Der Brigadier“ von Denis Fonwisin an, in der eine geizige, ungebildete und im schlechtesten Sinn „provinzielle“ Gutsherrin, eine „Brigadiersfrau“, im Mittelpunkt steht.
- Das „Annenbändchen“ ist der Orden der Heiigen Anna, seit Paul I. ein Verdienstorden des Zarenreiches, den man angesteckt an der Brust oder am Band um den Hals trug.
- Mit den „Herumtreibern“ in der letzten Strophe, namentlich den Deutschen, die ins russische Haus gekommen sind, meint Wjasemski die zahlreichen Ausländer, die die Zaren sich in die Verwaltung, teils auf sehr hohe und einflussreiche Posten, geholt hatten und unter denen sehr viele Baltendeutsche waren.
Erste Veröffentlichung im Ausland
Heute kann man sich kaum vorstellen, wie schockierend ein solches Gedicht auf die Zeitgenossen wirken musste. Nicht nur der Inhalt, die scharfe, aggressive Polemik gegen die Zustände in Russland, auch die so ganz unpoetische Wortwahl mit (zum Teil heute noch) als anstößig und vulgär empfundenen Ausdrücken sind für die damalige Zeit skandalös.
Es war Wjasemski natürlich klar, dass keine Zeitung und kein Verleger dieses Gedicht publizieren würde. Trotzdem und sicher nicht gegen seinen Willen und nicht ohne seine Kenntnis zirkulierte es sehr bald in zahlreichen Abschriften. Erstmals im Druck erschien der „Russische Gott“ allerdings erst 26 Jahre später, und nicht in Russland, sondern in London. Alexander Herzen, Schriftsteller, Publizist und Revolutionär, der Russland 1847 verlassen hatte und seit 1852 im englischen Exil lebte, veröffentlichte es 1854 zunächst als Einzelblatt und zwei Jahre später in seiner Zeitschrift „Polarstern“.
Zur selben Zeit lebte auch Karl Marx im Londoner Exil. Marx erfuhr von dem aufrührerischen Gedicht, interessierte sich lebhaft dafür und bat Herzen um eine Übersetzung ins Deutsche. Diese allererste Nachdichtung von einem N. Sasonow ist im Nachlass von Marx erhalten geblieben.
Wjasemski fühlte sich durch die verspätete Veröffentlichung aber gar nicht geehrt, sondern im Gegenteil peinlich berührt. Die politischen Ansichten Alexander Herzens lehnte er ab und wollte nicht von ihm vereinnahmt werden. Für Herzen dagegen war Wjasemski nur noch ein reaktionärer Staatsdiener; die Veröffentlichung dieses frühen Gedichtes darf man wohl als beabsichtigte Bosheit werten. Später stichelte Herzen über Wjasemski: „Wir betrachten ihn für sein von uns gedrucktes reizendes kleines Gedicht fast als unseren Mitarbeiter beim ‚Polarstern‘.“

Ein zweigeteiltes Leben
Rebell und Freund Puschkins
Pjotr Wjasemski wandelte sich im Laufe der Zeit vom scharfen Kritiker der zaristischen Regierung zu ihrem erzkonservativen Anhänger und Befürworter. Aufgewachsen war er in einem liberalen und überaus kultivierten Milieu. In seinem Elternhaus verkehrten Dichter, Künstler, Philosophen; es war als „russischer Parnass“ berühmt. Nach dem frühen Tod des Vaters wurde der Historiker und Dichter Nikolai Karamsin (siehe auch hier) sein geliebter und verehrter Vormund – er selbst nannte ihn seinen „zweiten Vater“.
In den ersten Jahrzehnten seiner literarischen und beruflichen Laufbahn vertrat Wjasemski liberale, fast schon revolutionäre Ansichten, stand – wie der oben erwähnte Alexander Herzen – den Dekabristen nahe, die gegen den Zaren rebellierten. Er gehörte zum Kreis um Puschkin und war einer seiner engsten Freunde. Als die beiden sich 1817 kennenlernten, war Puschkin noch Schüler des Lyzeums in Zarskoje Selo und betrachtete den sieben Jahre Älteren als Lehrer und Vorbild. Bis zu Puschkins Tod im Duell 1837 blieben die beiden in engem Kontakt und führten einen lebhaften Briefwechsel.

1820 trat Wjasemski einem Verein bei, der sich „Gesellschaft anständiger Gutsbesitzer“ nannte. Er unterzeichnete einen Aufruf zur Abschaffung der Leibeigenschaft und schrieb aufrührerische Gedichte und Artikel. 1821 reichte er nach Zerwürfnissen mit seinen Vorgesetzten selbst sein Entlassungsgesuch aus dem Staatsdienst ein. In den folgenden Jahren, in denen er nicht nur als Dichter, sondern auch als Publizist tätig war, galt er der Regierung als gefährlicher Aufwiegler und wurde von der Geheimpolizei überwacht. Öffentlich warf man ihm „lasterhaftes Benehmen“ und „schlechten Einfluss auf die Jugend“ vor.
Doch 1830 bat er den Zaren (inzwischen Nikolaus I.) wieder um Aufnahme in den Staatsdienst, was ihm auch gnädig gewährt wurde. Seine finanzielle Lage hatte sich in den Jahren davor erheblich verschlechtert, einen großen Teil seines üppigen Erbes hatte er durchgebracht, erhebliche Summen beim Kartenspiel verloren (sein Moskauer Stadthaus musste er deshalb verkaufen), und außerdem hatte er inzwischen Frau und Kinder zu versorgen.
Staatsbeamter und Zensor
Zunächst erhielt er einen außerplanmäßigen Posten im Finanzministerium und arbeitete sich dann zielstrebig zum einflussreichen Beamten im Bereich Außenhandel hoch. Er wurde zum Staatsrat, später zum Senator ernannt. 1837 erhielt er für seine Verdienste den Orden der Heiligen Anna – ausgerechnet den Orden, über den er sich in seinem Gedicht noch lustig gemacht hatte. Zeitweilig war er sogar Chef der russischen Zensurbehörde.
Je weiter er im Staatsdienst aufstieg, desto weniger wurden seine Werke gelesen und beachtet. Dennoch schrieb er bis zu seinem Tod weiter, Gedichte, Satiren, Epigramme, Aufsätze, die immer staatstragender und patriotischer wurden. Mit den revolutionären Bewegungen in Frankreich und Deutschland konnte er gar nichts anfangen. 1848 schrieb er als Antwort auf die politischen Unruhen und Aufstände in Europa ein langes Gedicht: „Heiliges Russland“ („Святая Русь“). Darin heißt es: „Wie lieb bist du mir in diesen wilden Zeiten, heiliges Russland! Wie bete ich für dich in diesen Tagen. (…) Bleibe immer, wie bisher, unsere Arche im Gewitter, dem russischen Herzen ein Heiligtum und unser Widerstand gegen den Feind!“
Die russische Literatur hatte seiner Meinung nach ihren Zenit überschritten, den sie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit Puschkin und dessen Kreis erreicht hatte.
Letzte Lebensjahre und Nachruhm
Schwere persönliche Schicksalsschläge verstärkten seine ohnehin skeptische und pessimistische Lebenseinstellung. Die meisten seiner Freunde waren längst gestorben, und in der eigenen Familie musste er den Tod von sieben seiner acht Kinder verkraften (über die in Rom gestorbene und begrabene Tochter Praskowja siehe hier). Als Dichter hatte er sich selbst überlebt, der jüngeren Generation galt er als veraltet und rückständig, wenn sie ihn überhaupt noch kannte. 1862 erschien in Moskau der einzige zu seinen Lebzeiten gedruckte Band mit einer Auswahl seiner Gedichte – nur 500 Exemplare wurden davon verkauft.

Die zwei letzten Jahrzehnte seines Lebens, nach dem altersbedingten Ausscheiden aus dem Staatsdienst, verbrachte Wjasemski zusammen mit seiner Frau Wera meist auf Reisen im westeuropäischen Ausland – in Frankreich, England, der Schweiz und in Deutschland. Längere Zeit lebten sie in Bad Homburg; gestorben ist er in Baden-Baden, wie auch acht Jahre später seine Frau. Begraben sind beide aber in St. Petersburg, auf dem Tichwiner Friedhof am Alexander-Newski-Kloster, auf dem viele berühmte Dichter und Komponisten liegen.
Nach seinem Tod erschien von 1878 bis 1896 eine erste Werkausgabe in zwölf Bänden. Sie enthält auch das Gedicht „Der russische Gott“ (Bd.3, S.450/451), aber nur mit acht statt mit neun Strophen – die vierte Strophe mit den „Hängebusen und schlaffen Ärschen“ hat man komplett weggelassen. (Auch in späteren sowjetischen Ausgaben hat man den Kraftausdruck nicht ausgeschrieben und verschämt durch Pünktchen in Klammern ersetzt.)
Im 20. Jahrhundert wurde Wjasemski in der Sowjetunion neu entdeckt, zunächst vor allem sein „revolutionäres“ Frühwerk. Seit den 1980er Jahren werden auch seine späteren Werke wieder herausgegeben und gewürdigt. Der Lyriker und Literaturnobelpreisträger Iossif Brodski hat Wjasemski als einen seiner wichtigsten Lehrer bezeichnet. In seinen „Notizen zu Dichtern des 19. Jahrhunderts“ schreibt er:
Den hervorragenden, jedoch unterschätzten Dichter Wjasemski bezeichnet man gewöhnlich als Klassizisten, wahrscheinlich wegen seiner Vorliebe für den alexandrinischen Vers und wegen der Klarheit seines Inhalts. Eine bessere Bezeichnung wäre „kritischer Realist“, nicht zuletzt aufgrund des satirisch-didaktischen Tonfalls und Charakters der meisten seiner Gedichte. Seine Verse, meist einfache Beschreibungen oder Botschaften, sind eher Erzählungen, Mitteilungen, Dispute, Thesen als Gesänge, und ihre Wirkung auf den Leser tritt erst nach und nach ein und nicht augenblicklich. Ein typisches Gedicht von Wjasemski strebt danach, etwas zu beweisen. (…)
Wjasemskis Gedichte aus seinen letzten Jahren sind durch eine immer düsterer werdende Sicht auf die Welt geprägt, einer Welt, mit der der Autor immer weniger gemein hat. Wjasemski zu lesen ist außerordentlich interessant, weil er niemals lügt.
Anmerkungen und Links
Im russischen Original findet man Wjasemskis Werke und Sekundärliteratur über ihn ohne Probleme im Internet, besonders umfassend hier in der digitalen Bibliothek „Im Werden“.
Auch den Text von Brodski habe ich bei „Im Werden“ gefunden, hier auf S.36-37.
In deutscher Sprache gibt es eine (meines Wissens bisher die einzige) wissenschaftliche Monographie zu Wjasemski, Autor ist der österreichische Slawist Günther Wytrzens. Erschienen ist das Buch vor über sechs Jahrzehnten: Günther Wytrzens, Pjotr Andreevič Vjazemskij – Studie zur russischen Literatur- und Kulturgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts, Wien 1961.
Der Lyriker und Übersetzer Martin Remané (1901 – 1995) hat Wjasemskis polemische Verse in freierer Übertragung nachgedichtet; seine Version kann man in dieser (sehr empfehlenswerten) Gedichtsammlung lesen: Russische Lyrik. Gedichte aus drei Jahrhunderten. Ausgewählt und eingeleitet von Efim Etkind, München 1981, S.76-77.