Die offizielle Reaktion der russischen Regierung auf die jüngsten Ereignisse – die Entführung Maduros und wenige Tage später die Beschlagnahmung des unter russischer Flagge fahrenden Öltankers – fiel überraschend zahm aus. Von Besorgtheit war die Rede, von einer roten Linie, die überschritten, und von Völkerrecht, das gebrochen worden sei, aber keine Drohungen und starken Worte wie sonst in vergleichbaren Situationen.

Was russische Patrioten zu Maduro und Marinera sagen

Deutlich anders und wesentlich emotionaler äußerten sich die nicht-offiziellen Patrioten und Ultrapatrioten in den Foren, Blogs und Kommentarspalten. Die akribisch geplante und effektvoll durchgeführte Festnahme des venezolanischen Präsidenten rief bei ihnen Bewunderung hervor – und zugleich Frustration, dass Putin nicht sofort zu Beginn des Ukrainekrieges genauso entschlossen gehandelt habe.

Als dann der Tanker Marinera von den Amerikanern geentert und festgesetzt wurde, titelte die Webseite des Propagandasenders „Zargrad“ wohl mit Absicht provokant: „Russlands Spezialoperation misslang um 15.55 Uhr. Die USA brachten das Schiff in ihre Gewalt. Alles entschied sich in wenigen Augenblicken.“

Diese ohnehin schon aufreizende Überschrift garnierten sie noch mit dem Bild eines Feuerballs und einer Explosion, die gar nicht stattgefunden hatte. Mit der „Spezialoperation“ war ein russisches U-Boot gemeint, das schon seit Wochen in der Nähe kreuzte und zu Hilfe kommen wollte, es dann aber angeblich nicht mehr rechtzeitig an den Ort des Geschehens schaffte.

Screenshot von der Webseite „Zargrad“ auf dem Nachrichtenportal dzen.ru

In kürzester Zeit sammelten sich unter diesem und mehreren anderen Artikeln zum selben Thema Tausende empörter Kommentare. Der Nationalstolz vieler Leserinnen und Leser, der in Russland so intensiv gefördert wird, war empfindlich getroffen und kehrte sich nun gegen die eigene Regierung. Die Begriffe, die am häufigsten, in etwa jedem dritten oder vierten Kommentar, gebraucht wurden, waren nicht zufällig: Schande (позор), peinlich/beschämend (стыдно) und kränkend (обидно). Und den russischen Politikern und auch Putin selbst warf man Feigheit und Unentschlossenheit vor – mindestens. Die Empörung über die USA hielt sich dagegen in Grenzen.

Eine Auswahl besonders typischer Kommentare:

Peinlich für das Land, peinlich für den russischen Präsidenten. Russland hat man in den Schmutz getreten!

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So hat Putin also Russland von den Knien erhoben? Und dabei tut er zufrieden, redet davon, wie gut alles bei uns ist.

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Unsere Schiffe werden in der ganzen Welt gekapert. Sogar die Finnen haben zwei beschlagnahmt. Und unsere Regierung schickt Protestnoten. Die Enterung unseres Schiffes bedeutet nichts anderes als die Eroberung russischen Territoriums. Das heißt, man respektiert uns nicht, man weiß, dass wir niemanden dafür bestrafen werden, man erniedrigt uns ganz offen. Wie kränkend für einen mächtigen Staat.

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Es wird Zeit, die Macht einem entschlosseneren Mann zu übergeben – Russland ist kein Putzlappen!!!!!!

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Winston Churchill: „Wenn ein Land bei der Wahl zwischen Krieg und Schande die Schande wählt, bekommt es beides, sowohl den Krieg wie die Schande.“

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Das Gleichgewicht des Schreckens ist verloren. Russland wurde erneut erniedrigt. Und wir halten uns immer nur zurück und antworten nicht auf die Provokationen. Bald wird sich die ganze Welt von uns abwenden, weil wir nicht imstande sind, uns selbst zu verteidigen.

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Trump handelt entschlossen, kühn, blitzschnell. Und wir kommen nicht in die Gänge und faseln was von roten Linien.

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Putin hat es schon wieder vermasselt. Wie ich diese Politik der Unentschlossenheit hasse! Vielleicht sollte der Präsident langsam mal in Rente gehen?

„Eine Schande!!!“ – „EINE RIESENSCHANDE!!!!!!!!!!!!!!!“
(Screenshot aus dem Kommentarbereich von „Zargrad“)

Was Experten und Politiker sagen

Aus den Reihen russischer Experten und Politiker kommen ähnliche Äußerungen, aber in gemäßigterer Form und ohne direkte Kritik an Putin. Auf seinem Telegram-Kanal schreibt zum Beispiel Putins Hausphilosoph Alexander Dugin:

Ganz Russland stellt sich jetzt die Frage: Warum gehen wir mit unseren Feinden nicht genauso um? (…) Trump zeigt uns, wie man handeln muss: Maduro gehört uns. Der Iran gehört uns. Schrecklich, was dort passiert. Aber die Hauptsache ist: Die Ukraine muss uns gehören. Mach es wie Trump, mach es besser als Trump. Und schneller.

Das Online-Magazin „runews24“ interviewte Politiker und Fachleute, u. a. Andrej Guruljow, Duma-Abgeordneter der Putin-Partei „Einiges Russland“ und Generalleutnant. Guruljow vergleicht das Vorgehen der USA mit Russlands Ukrainekrieg, nicht zum Vorteil Russlands:

Die Ereignisse in Caracas sehen für Moskau wie eine ernüchternde Parallele zu unserer eigenen militärischen Spezialoperation aus. Wir befinden uns jetzt unter harten Sanktionen, obwohl die Ursachen für den Beginn der Aktionen in der Ukraine keine erfundenen waren (wie es wohl für Venezuela gilt), sondern es sich um eine echte Bedrohung Russlands handelte.

Einen anderen Punkt spricht Andrej Pintschuk an, der von der Zeitung als Politikwissenschaftler vorgestellt wird (ein Blick in den Wikipedia-Artikel zu seiner Person verrät allerdings, dass er vor allem als Geheimdienstler tätig war, u. a. 2014/2015 in der Region Donezk). Pintschuk warnt vor dem Feind im Innern – denn man müsse ja davon ausgehen, dass Maduro von seinen eigenen Leuten verraten wurde.

Der Boden für einen derartigen Verrat bildet sich aufgrund mehrerer Faktoren. Der erste – die Formierung einer sogenannten „Kaste der Unantastbaren“ (einer geschlossenen Elite). Der zweite – das Fehlen einer die Gesellschaft einigenden spirituellen Klammer. Der dritte – die Zerstörung gesunder gesellschaftlicher Institutionen.

Und Michail Deljagin, Duma-Abgeordneter, Wirtschaftswissenschaftler und TV-Moderator, ergänzt das mit ganz konkreten Beispielen:

Die Leute, die sagen, dass wir uns in der Spezialoperation doch ganz gut geschlagen haben, sind sehr gefährlich. Sie brauchen keinen Sieg, sie wollen nur wieder so leben „wie früher“: auf ihrer Jacht um die Welt schippern, Urlaub in elitären Badeorten machen, die eingefrorenen Gelder auf ihren ausländischen Konten und die beschlagnahmten Villen in Frankreich und England zurückbekommen.

„Genau das ist“, so heißt es im Artikel weiter, „diese leise Rhetorik des Verrats, die sich mit guten Absichten maskiert. Die venezolanischen Generäle, die ihren Präsidenten verraten und sich für irgendwelche illusorische Versprechen an Washington verkauft haben, hielten sich vermutlich auch für Pragmatiker.“

Putin selbst hat auf Trumps Aktionen bis jetzt noch nicht reagiert, jedenfalls nicht mit Worten. Stattdessen schickte er seine „Oreschnik“-Rakete bis in die Westukraine und fast bis zur NATO-Grenze, und er ließ Wohnblocks und Infrastruktur in Kiew so heftig bombardieren, dass Tausende Menschen nun bei Minusgraden ohne Heizung und Strom sind.

„Was habe ich falsch gemacht?“ (Screenshot von der Webseite „Zargrad/dzen.ru“)

Putin landet bei „Zargrad“ auf seiner Rakete direkt vor dem Weißen Haus, der Kommentar unter dem Bild lautet: „Ob sie es mit der Angst bekommen? Wir werden sehen.“

Trump wird das wohl kaum beeindrucken. Vermutlich sollen mit dieser Machtdemonstration eher die eigenen gekränkten Patrioten beruhigt werden.